Einsortiert unter: Kurzgeschichtliches | Schlagwörter: Kirche, Stimme, Verletzung
Kein Mensch wird mit Bedeutung in diese Welt gesetzt. So, als stünde da ein Thron oder eine Berufung, die auf ihn warte wie der Eierbecher aufs Ei. Das zumindest glaubt man und Jan war einer der Menschen, die diesen Glauben mit ihrem ganzen Dasein bestätigen. Nicht wenige von uns versuchen, diesen „Geburtsfehler“ durch allerlei Betriebsamkeit wettzumachen – Jan wäre der letzte, dem das einfiele. Er begnügte sich vollkommen mit der Tatsache, zu existieren. Hätte man ihn gefragt, was er denn in seinem jungen Leben noch so alles werden möchte, so hätte er geantwortet: „Nichts. Ich bin doch schon.“
Jeden Sonntag ging er in die Kirche und hätte er dies plötzlich gelassen, so hätte unter Umständen nur die Fraktion, die sich für die Anwesenheitskontrolle der „armen Seelen“ zuständig fühlt, seine Abwesenheit bemerkt. Jan war nicht talentfrei – er malte wie ein kleiner Michelangelo. Doch weil die bunte Seite der Leinwand oder des Schulhefts meist nur seinem Gesicht zugewandt war, konnte das keiner wirklich bemerken.
Eines Sonntag morgens, als er gerade geräuschlos durch den langen, weißen Flur des Kirchengebäudes streifte, erfasste sein Auge einen einzelnen leeren Nagel an der Wand. Und im selben Augenblick war es ihm, als würde ein Engel des Allmächtigen ihm zuflüstern: „Mal’ Ihm ein Bild.“
Jan brauchte den restlichen Tag, um dieses Erlebnis zu verdauen. Am Abend schließlich kappte er seine verknoteten Gedankenranken, holte eine kleine weiße Leinwand und machte sich ans Farbenmischen. Es dauerte nicht lange und das Bild war fertig. Er blickte es sich noch einmal an und legte sich dann zufrieden schlafen.
Eine Woche später war er unter den ersten, die die Kirche betraten und er passte einen günstigen Augenblick ab, um das Bild unbemerkt an den leeren Nagel zu hängen. Es dauerte ein bisschen, doch schon bald versammelten sich ein paar Kirchenbesucher vor dem Kunstwerk und betrachteten es wortlos. Als Jan das sah, freute er sich und malte von da an jede Woche ein neues. Und jedes Mal standen ein paar mehr Menschen vor seinem Bild, um es fassungslos zu betrachten. Denn seine Bilder hatten eine Aussagekraft, so dass man meinen konnte, dass dort, wo sie hingen, jemand ein quadratisches Loch in die steinernen Mauern der Kirche gebrochen hätte. Ein Lichtloch in einer dunklen Gefängniszelle. Ein Bullauge, das der wankenden Gemeinde im Meer der Zeit einen Blick auf ihr Ziel – die Herrlichkeit Gottes – ermöglicht.
Manch einer ging seit dreißig Jahren in diese Kirche, doch als er vor einem dieser Bilder inne hielt und Gott dafür dankte, erlebte er in dieser ganzen Zeit seinen ersten Gottesdienst.
Doch weil der Himmel nicht auf der Erde ist – auch nicht in der Kirche – kam es, dass sich eine Frau mit Namen Mira an den Bildern ärgerte. Mira hatte ein gutes Herz. Dass sie jedoch ein nur mittelmäßiges Talent bei unbeschränkter Leidenschaft für die Malerei besaß, hatte sie sich (und den anderen Zuständigkeiten hierfür) niemals vergeben. So verzehrte sie sich fast vor Neid, wenn sie auf die begnadeten Kunstwerke blickte. Natürlich hatte sie längst herausgefunden, wer jeden Sonntag die Bilder wechselte. Also wartete sie auf einen Augenblick, in dem derjenige anwesend war und sie endlich ihrem Leiden Genugtuung verschaffen konnte.
Es war kurz nach dem Gottesdienst, als sich ein paar Leute mit etwas Abstand zur Wand halbkreisförmig um das Kunstwerk stellten. Mira ging schnellen Schritts dazwischen hindurch in Richtung Toiletten. Doch kurz vor dem Bild stolperte sie, riss es herunter und fiel so darauf, dass ihr Knie die Leinwand zerriss. Ihre Glieder schmerzten und ihre Hand hatte sich an dem rauen Putz aufgeschürft, doch in diesem Moment war es ihr willkommen. Die normalerweise ernsthaft barmherzige Frau spielte sofort den bekümmerten Schuldigen. Doch als Jan ihren Blick erfasste, sah er, wie der Teufel Funken aus diesen Augen sprühen ließ. Er ließ sich nichts anmerken – ging aber bald darauf nach Hause.
Dort angekommen überkamen ihn Gefühle, die er noch niemals bewusst erlebt hatte. So legte er sich ins Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf. Er träumte davon, alleine auf einer großen hellen Bühne zu stehen. Der Vorhang öffnete sich. Im Publikum saßen lauter Menschen, die ihn beschimpften und sogar Unrat nach ihm warfen. Ganz vorne saß Mira, die seine Bilder bei sich hatte und eines nach dem anderen mit einem scharfen Messer zerschnitt. Neben der Bühne und dahinter hörte er aus dem Dunkeln eine Stimme sprechen: „Komm hierher, weg von diesen Tieren. Hier ist es sicher.“ Und mit den Beschmähungen aus dem Publikum wurden auch die Stimmen aus dem Hintergrund lauter und dringlicher.
Dann wurde es plötzlich schwarz und ganz still und er sah nur noch die dunkel flackernden Umrisse eines gebückten Menschen fernab von allen anderen und hörte, dass dessen schweres Herz im Takt der Dunkelheit pulsierte. Hatte er den Stimmen gehorcht?
Jan wachte auf und noch immer hörte er sein Herz schlagen.
Der Traum war noch vor seinen Augen und langsam begriff er dessen Sinn: Dass nämlich ein Mensch nicht kein Selbstbewusstsein besitzen kann, was er bis dahin angenommen hatte – sondern nur ein gesundes oder ein verletztes. Und dass es in seiner Verantwortung lag, dem verletzten Selbst zu gehorchen oder der Stimme eines anderen.
Er stand auf und kochte sich einen Kaffee. Dann holte er die Ölfarben hervor und malte auch an diesem Sonntag wieder ein neues Kunstwerk für Ihn und ebenso an den darauf folgenden. Und mit jedem neuen Bild hängte er ein wenig von seinem verletzten Selbst mit an den leeren Nagel.
Jeder Mensch braucht eine Stimme, an die er sein Ohr hängen kann. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. Wir fühlen uns so unabhängig, so aufgeklärt, so emanzipiert.
Aber nimm den Menschen ihre Bücher, ihre Zeitschriften, ihre Musik – die Medien, die eine Stimme beinhalten, die uns aus dem Herzen spricht. Die uns anstachelt oder uns gleichgültig macht. Die uns betrübt oder begeistert. Dann nimmst du ihnen auch ihren Lebenstrieb.
Dann werden sie früher oder später in die Kirchen oder in die Kneipen rennen, wie im Simpsons-Film. Aushalten werden sie es nicht. Und bald werden einige wenige, die tatsächlich eine eigene Stimme hervorbringen können, wieder anfangen zu reden (oder zu schreiben). Sie werden zu den neuen „Seelenführen“ (Journalisten, Wissenschaftlern, Redegewandte…) der Masse. Dann ist wieder alles wie vorher.
Das Internet legt dieses Bedürfnis gnadenlos frei. Warum gerade das Internet? Weil hier garantiert jeder die Stimme finden wird, die ihm gefällt. Ob es die Nachrichten auf spiegel-online, die Meinungen in einem zynischen Forum, der neueste Rap auf youtube, die dahingeplätscherten Worte in einem anonymen Chat oder der Beitrag im Blog von nebenan ist – irgendwo hört jeder Mensch die Worte, die er braucht. „Ich verstehe Dich!“ „Du bist nicht allein!“ „Du hast recht!“
Und das ist nichts schlechtes!
Schlecht wird es nur dann, wenn der Inhalt dieser Botschaften zweitrangig wird. Wenn die Botschaft ist: „Es ist egal was ich sage, Hauptsache es gefällt (möglichst vielen)!“
Wer, wie ich, oft im Internet auf die Suche nach dieser Stimme ist, der sollte sich meiner Meinung nach als erstes fragen „Was für Ansichten werden hier vertreten?“ und nicht „Welche gefällt mir am besten?“.
Lasst sie reden! Sie wollen Blinde führen und sind selbst blind. Wenn ein Blinder den andern führt, fallen beide in die Grube.
Jesus in Matthäus 15,14
Gestern bin ich auf eine arg empfehlenswerte (leider englische) Webseite hierzu gestoßen.

