G danken


Löwenzahn: Heute erkläre ich das Leben.
25. Oktober 2009, 13:20
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Früher haben das Philosophen gemacht – heute Drehbuchautoren, Werbetexter oder … ich. Zum Thema habe ich ein Bild gefunden. Sowas hat man auch schon immer gemacht: ein Bild für etwas hernehmen, dass sich schlecht beschreiben lässt.

2009_10_lebenWir sind wie die kleine Glaskugel, die auf dem Holzbrett – unseren Lebensumständen – liegt. Oder rollt. Oder was auch immer.

Sofort sieht man: das Leben hat eine Menge Schlaglöcher. Gruben, die uns zum Fall bringen wollen. Wer in so ein Loch fällt, muss oft wieder woanders anfangen. Das macht keinen Spaß! Außerdem sind Glaskugeln zerbrechlich. So mancher Fall kann einen zerbrechen. Daher lautet die einzige Lebensregel: Vermeide Schlaglöcher. Denn davon gibt es viele: ein unsicherer Job, eine schlechte Geldanlage, Krankheiten usw. Versicherung und Vorsorge sind daher angebracht.
Meistens sind jedoch Menschen diese Schlaglöcher. Sie misstrauen, benutzen und missbrauchen. Halte dich also auf Abstand von Menschen, die dir den Boden unter der Kugel aufbohren können.

Doch es gibt nicht nur Gefahren. Die kleinen dunklen Leisten, die einem immer wieder im Leben begegnen. Sie bieten sicheren Halt für Menschen, die das brauchen. Denn das Brett ist ziemlich wacklig! Anderen wiederum bieten sie Spannung, weil man nie genau weiß, was hinter einer Leiste noch so alles auf einen wartet.
Ob man nun eine Festung um sich herum bauen will, um gegen alle Schlaglöcher und Turbulenzen gesichert zu sein, oder ob man ein Maximum an Bewegung und Abwechselung bekommen möchte – die Führungsleisten machen es möglich. Die vielseitigste von ihnen ist natürlich Geld: sie passt praktisch überall – auf dem ganzen Holzbrett. Auch ein Haus, eine coole Begabung, ganz normale Einstellungen oder ziemlich abgefahrene Angewohnheiten gehören dazu. Je nach Typ…

Auch wenn manch einer es immer noch nicht wahrhaben will: Es gibt keinen Plan. Da ist keine schwarze Linie, die das Schicksal oder irgendein vergoldeter Holzgott für einen gezeichnet hat. Schwarze Linien und rote Fäden sind was für Leute mit viel Phantasie, die Abhängigkeit lieben und ohne sinnvolles Ziel keinen Fuß vor den anderen setzen können. Sowas glaubt man nicht…

Natürlich ist das Leben irgendwann vorbei. Aber sich damit auseinander zu setzen, bringt nichts. Denn wer ständig daran denkt, dass irgendwann einmal der Sensenmann die Glaskugel vom Spielfeld nimmt, hat ja gar nichts mehr vom eigentlichen Leben. Schließlich gibt es nur das eine Holzbrett. Oder?



Das Gewicht der Herrlichkeit
20. Juni 2009, 07:00
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Zu einer Zeit, in der man noch zu Fuß zur Schule laufen musste, lebte ein Junge namens Johnathan. Er wurde aber nur John genannt. John hatte nicht viele Freunde, was vielleicht an seiner größten Schwäche lag: er war vergesslich. Oft vergaß er belanglose Dinge wie sein Pausenbrot oder seine Socken. Doch es kam auch vor, dass er einen Jungen, mit dem er sich mittags zum Spielen verabredet hatte, nachmittags schon wieder vergessen hatte. Johns Eltern besaßen nicht viel, schließlich lebten sie auch in einer Zeit, in der die meisten Leute nicht viel Geld hatten. So konnte John seinen ganzen Besitz in einer Holzschachtel aufbewahren: eine versteinerte Schnecke, ein Blechauto, dem drei Räder abhanden gekommen waren, eine Handvoll Murmeln und einige Steine, die er aufgehoben hatte, weil sie besondere Muster hatten.

Doch eines Tages, als er gerade alleine am Rande seines Dorfes spielte, machte er eine gewaltige Entdeckung: er fand einen goldenen Ring, der mit einem großen Diamanten besetzt war. Der Ring selbst war klein, so dass John sofort ahnte, dass er einmal einer Prinzessin oder einer jungen Königin gehört haben musste.
Natürlich konnte er als Junge mit dem Ring nichts anfangen. Doch die Tatsache, dass er etwas so wertvolles gefunden hatte, ließ ihn spüren, dass er selbst doch vielleicht viel wertvoller sein könnte, als er es sich jemals erträumt hätte. Das machte John so froh, wie er es noch nie in seinem Leben gewesen war. Und weil niemand da war, dem er seine Freude hätte mitteilen können, dankte er Gott, wie er es in der Kirche gelernt hatte. Gott musste ihn ziemlich lieb haben, dachte er.

Die nächsten Tage erlebte John wie im Traum: Er verbarg den Ring in seinem Kopfkissen und bei allem was er tat, dachte er an dessen Herrlichkeit. Wenn er dann abends nach Hause kam und den Ring hervorholte, wurde er jedes Mal noch mehr von dessen strahlender und reiner Schönheit überrascht: seine Gedanken und Erinnerungen konnten sie nicht erfassen.
Dann passierte es jedoch, dass ihm ganz plötzlich ein Gedanke kam. John wusste, dass er vergesslich war und er bekam Angst: Was ist, wenn ich den Ring verlieren sollte? Oder wenn er verloren geht, ohne dass ich es merke? Schließlich entschied er sich dazu, den Ring an einem sicheren Ort in seiner Holzschachtel zu vergraben. Gleich am nächsten Tag führte er das dann auch aus und malte sogar eine Karte, um ihn wieder finden zu können.

So bekam John seinen gewohnten Alltag zurück. Doch die Sehnsucht nach dem Ring machte sein Herz schwer und traurig. Da kam ihm eine Idee: Ich werde mir einen Ring basteln, der mich an den Goldring erinnern soll. Wenn ich diesen dann verlieren sollte, bastele ich mir einfach einen neuen. Gesagt – getan. Im Schuppen vor dem Haus fand er etwas Kupferdraht, den er ein paar mal um einen Stock wickelte. Dann nahm er einen stumpfen, weißen Quarz aus seiner Steinesammlung und befestigte ihn daran.
John war stolz auf seinen selbst gebastelten Ring, doch die erhoffte Freude stellte sich nicht ein: Wenn er ihn aus dem Kopfkissen hervorholte, sah er bald nur noch die Fehler, die dieser gegenüber dem echten Goldring hatte. Irgendwann wurde die Sehnsucht unerträglich und er grub die Holzschachtel wieder aus: sein Herz schlug mit der Geschwindigkeit einer Dampflokomotive, als er sie öffnete und den Ring sah. Da war sie wieder – die unfassbare Freude. Doch mit ihr auch die Sorge um den Verlust des Ringes. So quälte John sich wochenlang durch das Spannungsfeld beider Gefühle und war kaum noch in der Lage, in der Schule aufmerksam zu sein – geschweige denn sich nachmittags zu verabreden.

Irgendwann traf er eine folgenschwere Entscheidung: Ich muss den Ring beschädigen. Wenn er nicht mehr so schön ist, werde ich auch keine Angst mehr haben, ihn zu verlieren, dachte er sich. Und er rannte ohne irgendeinen klaren Gedanken mit dem Ring in den Schuppen und zerkratzte mit einer Feile aus Vaters Werkzeugkiste das glänzende Gold des Ringes.
Danach hatte John ein schlechtes Gewissen, aber er war auch sehr erleichtert, dass der Goldglanz ihm nichts mehr anhaben konnte.

Wenn er nun in den nächsten Tagen abends den Ring betrachtete war er zwar von dem zerkratzten Metall fasziniert – seine Empfindungen dabei waren jedoch so unbewegt wie der Baumstamm einer alten Eiche im Wind.

Bis zu dem Abend, als sein Blick sich in der unberührten Schönheit des Diamants verlor, den er bis dahin ganz übersehen hatte. Ein so wertvoller Stein. Mit der Strahlkraft einer Sonne. Das war zu viel für das kleine Herz des Jungens und ohne darüber nachzudenken, was er tat, rannte er wieder in den Schuppen, holte die Feile hervor und versuchte, den Diamant seines Glanzes zu berauben. Doch weil die Feile auch nach einigen Minuten noch immer nicht das tat, was nach den Gefühlen des Junges unausweichlich geschehen musste, verlor dieser seine Kraft, sank zu Boden und fing an zu weinen. Der Ring war auf den Boden gefallen und reflektierte unbeeindruckt das Licht des Mondes.

Doch Johns Herz war ohne Licht und nur ein winziger Hoffnungsschimmer zeigte sich darin wie ein Schatten in der Dunkelheit: Er war plötzlich sehr wütend, nahm den Ring und stand auf. Dann rannte er wie um sein Leben – die kleine Hand um den Ring gepresst, dass es ihm wohltuend schmerzte – zu dem großen Strom, der einige Kilometer vor dem Dorf floss und dazu in der Lage war, Dinge für immer in der Unendlichkeit des Meeres verschwinden zu lassen. Das war zumindest Johns kindliche Hoffnung, als der schwere Ring – bis zuletzt strahlend – in die eiligen Wellen des Flusses sank. Mit einmal Mal überkam ihn ein Gefühl der Bitterkeit: wieso habe ich diesen Ring überhaupt finden müssen? Gott muss mich hassen, dachte er sich.

2009_06_fluss

Diese Bitterkeit hatte John bis dahin noch nicht kennen gelernt und sie sollte seine weiteren Lebensjahre bis zu dem Tag bestimmen, an dem ihm klar werden sollte, dass der Ring nie ins Meer getragen wurde und noch ganz nah bei ihm war. Dass der Ring, der ihm so viel Schmerz gebracht hatte und noch bringen sollte, doch auch die einzige wirkliche Freude in sein Leben gebracht hatte und diese noch nicht verloren war.



Unbekümmertheit
13. April 2009, 17:46
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Ich weiß nicht, was Du mit Deiner Kindheit für Gefühle verbindest, aber ich erinnere mich vor allem an eines: Unbekümmertheit, Sorglosigkeit.

Natürlich haben Kinder weniger Gründe, sich zu sorgen, da sie (im Idealfall) versorgt werden. Aber ich glaube, dass es noch eine Ursache gibt, weshalb viele Erwachsene diese Unbekümmertheit verloren haben: Die Art des Denkens.
Die meisten Erwachsenen denken wissenschaftlich. Das heißt, sie versuchen, aus Erfahrungen der Vergangenheit Schlussfolgerungen (Gesetzmäßigkeiten) abzuleiten, nach denen sich ihre Zukunft zutragen wird. Das ist nichts anderes, als wenn ein Physiker versucht, die (zukünftige) Flugbahn eines Satelliten zu berechnen.
2009_04_berechnungUnd mit dem Ablauf der Zukunft bestimmen wir auch das Maß an Glück oder Unglück, das uns damit erreichen wird. Das kennt jeder, wenn er zum Beispiel an einen Geburtstag von XY oder an den ganz normalen Alltag denkt. Übermäßige Freudenschübe werden wegen hohem Enttäuschungsrisiko gedanklich gekappt – alles muss möglichst im Rahmen unserer Erfahrungen verlaufen. Spaß muss bekannter Spaß sein, darf allerhöchstens ein bisschen mehr kitzeln.

Das wäre ja noch alles schön und gut, wenn der Mensch nicht so ein trübsinniger, bildzeitungsgeprägter Gefährte wäre. Von allen Möglichkeiten erscheinen die schlechteren doch immer noch am möglichsten. Dann doch lieber bewährte Weinglas-Melancholie als echte Hoffnung auf ein besseres Morgen.

Was würde ich manchmal geben, um wieder wie ein Kind denken zu können. Das aus Naivität (oder ungewollter Klugheit) noch nicht gelernt hat, Morgen und Übermorgen zu berechnen – was sowieso selten bis niemals möglich ist. Das sich mit vollem Risiko in tiefen Schmerz und übermäßiges Glück stürzt und doch (Achtung, jetzt kommt eine subjektive Wertung!) meistens glücklicher scheint als der Erwachsene.



Endlich vollständig
15. Januar 2009, 18:10
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„… und zum Dritten – verkauft!“

Der feuerrote Ferrari Testarossa im Bestzustand wechselt für 789 Euro seinen Besitzer. Die Unruhe im Saal macht sich inzwischen deutlich bemerkbar. Ein Bild des vorletzten Auktionsgegenstandes mit der Nummer 83, ein Einfamilienhaus in bester Lage am Stadtrand, wird hereingetragen. Das Startgebot liegt bei 4000 Euro. Uninteressiert blättern die Gäste auf der Suche nach Ablenkung in ihren Auktionskatalogen herum. Der Raum ist gefüllt mit Menschen wie ein Vorlesungssaal voller Erstsemester – die Luft darin mit allem, was sich nicht atmen lässt: Nur vereinzelt finden Sauerstoffmoleküle ihren Weg in die Lungen der kurzatmigen Gäste. Für das Haus finden sich nur zwei Mitbieter, die eher zufällig vorbeigekommen sind und den Preis auf immerhin 5680 Euro steigern.

Vor dem letzten Gegenstand legt der Vorsitzende des Auktionshauses eine kurze Pause ein. Die Gäste haben jetzt jegliche Gelassenheit verloren, keiner sitzt mehr still. Ein Geschäftsmann, der aussieht als hätte er gerade mit seinem Privatjet eine Bruchlandung im Stillen Ozean überlebt, tippt mit einer Hand die Nummer seines Finanzberaters ins Handy während er mit der anderen versucht, die Schweißausbrüche seines Kopfes zu stillen. Eine kleine Dame im gehobenen Rentenalter umklammert zitternd ihr ledernes Portemonnaie. Es ist eher eine kleine Handtasche, die prall gefüllt mit den Ersparnissen aus über 50 Lebensjahren ist. Ihr Herz schlägt, wie es dies zum letzten Mal bei ihrer Hochzeit tat. In den hinteren Reihen kommt es fast zu körperlichen Auseinandersetzungen, doch dann versucht auch schon der Mann mit dem Hammer, Ruhe in die Versammlung zu schlagen.
Daraufhin blicken die Gäste wie ferngesteuert auf die letzte Seite ihres Kataloges, dorthin wo auch der letzte Auktionsgegenstand aufgeführt ist: Nummer 84 hat keine Abbildung und die Beschreibung beschränkt sich auf die Angabe „TÜV-zertifiziert“.

Im Saal ist es mucksmäuschenstill als der Vorsitzende, mechanisch wie eine Bahnhofsdurchsage, verliest: „Gegenstand Nr. 84: Glück auf Erden.“

Darum geht’s doch, oder? Warum reden wir über Gehaltserhöhungen, Schulabschlüsse, Bücher, Frührente, BMW und Blitz-Diäten? An letzter Stelle unserer Bedürfnisse steht doch immer das, was kein Mensch beschreiben (sondern bestenfalls haben) kann: Glück. Warum nennen wir es dann nicht auch als erstes, wenn wir gefragt werden, warum wir dieses oder jenes tun oder lassen.
Die Werbung hat uns beeinflusst: sie lebt von der Tatsache, dass sie ALLE Pferde vor den „Glücks-Karren“ binden kann: „Hiermit kann…“ „Nie wieder…“ „Endlich…“. Dann klappt auch der One-Night-Stand mit dem Nachbarn, wenn das Geschirr glänzt…
Und so kommt es, dass wir am Ende nicht mehr wissen, wofür (nämlich für unser Glück) wir etwas brauchen, sondern dass wir GENAU DIESES DING brauchen. Ein bisschen mehr Ehrlichkeit zu uns selbst, würde uns zeigen: Dies oder jenes hat ja gar nicht gehalten, was es uns versprochen hatte.

„Naja,“ kann man jetzt sagen, „das is ja auch n bisschen übertrieben. Ich erwarte ja nicht von meinem Fünf-Klingen-Rasierer das Glück auf Erden!“
puzzleStimmt. Aber ein bisschen davon. Der Rasierer soll ein kleines Teil zu unserem Lebensprojekt, dem Glücks-Puzzle, beitragen. Und weißt Du was: es funktioniert auch. All die Dinge, die wir in dieses Projekt investieren, machen uns glücklicher!
Doch leider auch unglücklicher – denn in uns lebt ein falsches Bild von dem Glücks-Puzzle: Wir denken, dass es im großen und ganzen fertig ist und noch vereinzelt Lücken sind, Teile die wir noch zu unserem Glück brauchen, wie zum Beispiel das Gartenhäuschen mit Hähnchenbräter oder die Beziehung zu XY.

In Wirklichkeit wird es aber mit jedem Teil größer. Denn die meisten Teile passen nicht so einfach an unser bisheriges Puzzle sondern liegen irgendwo vereinzelt und warten auf noch mehr Teile, die das Puzzle schließen.

Wenn es wirklich um unser Glück geht, also darum, das Puzzle fertig zu stellen, dann sollten wir auch die Teile endgültig rausschmeißen, die OFFENSICHTLICH nicht passen. Und was noch wichtiger ist: Das Teil suchen, das wirklich fehlt.




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