G danken


Wie man den perfekten Menschen züchtet
8. August 2010, 15:40
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Nicht im Reagenzglas, sondern im Kindergarten. Die dreijährige Stella spricht vier Sprachen fließend und hat zweimal die Woche Musikunterricht, zusätzlich Malen. Die Mutter dazu: “Also, ich probier, gar nicht so ehrgeizig zu sein… Noch.”

Nur das Beste für mein Kind: ziemlich interessante Sendung im ZDF, fragwürdiger Titel, teilweise schockierend – mit einem “versöhnlichen” Ende:



Kein Bedarf
28. November 2009, 10:29
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Karl ist ein ganz normaler Junge im Alter von zehn Jahren. Er spielt Fussball, zerstört Lego-Bauten und setzt auf Konfrontation beim anderen Geschlecht. Sonntags geht er sogar zur Kirche – weil man das so macht. Eigentlich macht er das sogar gerne. Nur ein Satz, den dummerweise viele der Leute da immer betonen, stört ihn irgendwie: „Jesus ist für unsere Schuld gestorben.“
Nicht, dass er was gegen diesen Jesus hätte. Karl fühlt sich nur einfach nicht schuldig. Er kann mit diesem Satz einfach nichts anfangen. Und das macht ihn zu einem einsamen Gottesdienstbesucher. Denn um ihn herum reden alle mit schweren Worten davon, dass Jesus für ihre Schuld gestorben ist und dass das ja das Wichtigste ist. Und weil er das Wichtigste nicht versteht, so denkt Karl, gehört er nicht dazu. Und statt sich schuldig zu fühlen – damit auch er etwas mit diesem Jesus anfangen kann – fühlt er sich deswegen unglücklicherweise auch noch benachteiligt und ungerecht behandelt.

Dreiundzwanzig Jahre später: Karl ist endlich ein vollwertiger Teil der Gemeinde. Nach mehreren Bekehrungen kam er schließlich zu der Überzeugung, dass er als Mensch ja eine ganze Menge Schulden angehäuft hat, die ihm nur dieser Jesus wegnehmen kann. So spürt auch er nun die bittersüße Last der Schuld und kann jetzt mitreden, wenn es um diesen Jesus geht.

Eines Samstag abends ist ein besonderer Gottesdienst, bei dem Menschen aus der Gemeinde ihre Gedanken zu einem Thema von der Kanzel aus mit den anderen teilen. Das Thema an diesem Abend ist: Das Kreuz des 21. Jahrhunderts.
Nach einem Mann und einer Frau aus der Gemeinde tritt plötzlich ein Fremder hinter die Kanzel. Er sieht etwas heruntergekommen aus und redet mit klaren, lauten Worten: „Gott spricht die Menschen schuldig, auch wenn sie von ihrer Schuld nichts spüren. Und genauso hat Sein Sohn ihnen ihre Sünden am Kreuz weggenommen. Sünden, von denen sie noch gar nichts wussten. Er geht zu den Gefangenen und zerreißt ihre Ketten. Er geht zu den Ängstlichen und lässt ihnen eine neue Sonne aufgehen. Er schenkt den Verzweifelten eine Freiheit, von der sie noch gar nicht wussten, dass sie existiert und ihnen fehlt.“

Und in diesem Moment ist es, als würden die Kirchenfenster unter dem Druck des Windes, der von draußen dagegen bläst, bersten. Doch die Last der Schwermut hält von innen dagegen und nichts geschieht. Die Worte verhallen im Raum und in der folgenden Stille merkt man, dass eine Welle der Unmut anschwillt und auf die Kanzel zuläuft. Ein älterer Mann bemerkt geistesgegenwärtig die zynischen Blicke und geht leichten Schritts zu dem Mann hinter der Kanzel. Mit gönnerhafter Miene flüstert er ihm zu: „Verehrter Herr; in dieser Kirche sitzen eine ganze Menge Menschen, die Schweres erlebt und durchlitten haben. Dass wir uns trotz allem hier so versammeln können ist keine Selbstverständlichkeit. Wissen Sie, was uns der Zusammenhalt dieser Gemeinschaft von gefallenen Menschen kostet?“
Das darauf folgende Schweigen interpretiert der Fragende als Einladung, fortzufahren: „Dann wissen Sie sicher auch, was wir hier ganz und gar nicht gebrauchen können…“

„Ja, ich weiß es.“ gibt der Fremde nach einer kurzen Pause zurück und Tränen treten in seine Augen. Er geht zur Wand hinter dem Altar, hebt seine Arme – wobei Wundmale an seinen Händen hervortreten, nimmt das hölzerne Kreuz herunter und verlässt mit diesem die Kirche.



Ein krasses Zitat
28. August 2009, 06:01
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“Unversöhnlichkeit ist wie Gift trinken und erwarten, dass der andere stirbt.”
(Verfasser unbekannt)



Der Bio-Mensch
30. Mai 2009, 08:36
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TomatoEin kleines, grünes Zeichen lässt die Herzen der Gesundheitsbewussten höher schlagen: BIO. Bisher war das für mich unterbewusst nur das Logo, das aus einer Tomate eine bessere Tomate macht – ein großer Fortschritt in der Lebensmittelforschung.
Bis mir klar geworden ist, dass BIO nicht mehr drin sondern weniger drin, nicht Fortschritt sondern Rückschritt ist. Jahrzehnte von Essens-Produktion mit Stöffchen, Mittelchen und Pulverchen mussten vergehen, um wieder dahin zu kommen, wo es angefangen hat: Bei einer Tomate, die tatsächlich im Angesicht der Sonne errötet ist.

Aber Geschichte hin oder her: der Mensch verliebt sich in alles, was das grüne Mittelchen-Stoppschild trägt: Bio-Gemüse, -Tee und Joghurt, ja sogar Bio-Weihnachtsbäume und Bio-Jeans. Was liegt da näher, als sich Gedanken um den Bio-Menschen zu machen? Den Menschen, wie er eigentlich ist oder vielleicht auch, wie er gemeint war – weit weg von oberflächlicher Kosmetik und dem permanenten Druck, sich darstellen und verkaufen zu müssen. Keine Angst, das wird kein Appell ans offenherzige Höhlenmenschen-Dasein. Aber mit Sicherheit gibt es Dinge, mit denen wir versucht haben, mehr aus uns zu machen, als wir in Wirklichkeit sind. Und die uns manchmal wie eine aufgedunsene, orange Tomate mit dem Geschmack von einem Eimer Wasser wirken lassen.

2009_05_bioHier sind sie also; drei Gedanken zum Bio-Menschen, vielleicht idealistisch – aber damit dürften sie wenigstens den Stellenwert einer Politikerrede auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung haben:
Erstens glaubt der Bio-Mensch weniger. Er hört auf zu glauben, dass Geld Sicherheit bietet. Dass Geld ein Organismus ist, der im Treibhaus der Banken nur wachsen, niemals aber sterben kann. Er hört auf zu glauben, dass die anderen Menschen ihm gegenüber nett sind, wenn er selbst nett zu ihnen ist. Dass menschliches Zusammensein als eine Art Tauschhandel gedacht ist, bei dem niemand niemandem etwas schuldig bleibt und sämtliche Verbindlichkeiten zu Null aufgehen. Und er wird aufhören zu glauben, dass nur das wirklich ist, was er mit seinen Augen sehen kann. Denn welchen Grund hatte er dafür, das zu tun?

Zweitens kommt der Bio-Mensch ins Reine. Mit sich selbst und mit anderen. Er braucht keine Farbstoffe, um schön zu sein. Er braucht keine Kunstdünger, um zu wachsen. Er braucht keine Konservierungsstoffe, um ewig zu leben. Und er braucht keine Geschmacksverstärker, um anderen zu gefallen. Er wird wie die seltenen Lebensmittel, auf deren Packung oder Dose nur eine Zutat steht. Er wird Mensch. Und noch etwas verrät uns das Bild vom Bio-Essen: „Sein Preis steigt“ oder er findet zurück zu dem Wert, den er immer schon hatte – wenn es ihn auch zerbrechlicher macht.

Drittes fängt er an, zu lieben. Denn irgendwas muss er ja tun – der Mensch, wie er gedacht war.



Kurzgeschichte: Abschied von Religion
10. Mai 2009, 18:48
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In einem fernen Land lebten einmal drei junge Männer. Sie waren dort aufgewachsen und in ihrer Kindheit mehr oder weniger gut versorgt worden. Die drei waren befreundet und eines Tages trafen sich zwei von ihnen und redeten über das Leben in ihrer Gesellschaft. Sie redeten viel länger als geplant und kamen schließlich zu der Erkenntnis, dass die Menschen, die in ihrem Land leben und Verantwortung tragen, ganz fürchterliche Dinge tun.
„In meiner Nachbarschaft denkt jeder nur an seine Sicherheit. Sie würden eher sterben, als daran zu denken, dass auch andere in Sicherheit leben wollen,“ sagte der eine.
Und der zweite meinte dazu: „Es ist für mich ein Wunder, dass das Leben in einer so boshaften und egoistischen Gesellschaft noch möglich ist.“
So redeten sie bis tief in die Nacht hinein. Am Ende beschlossen sie, eine Reise zu unternehmen, um herauszufinden, ob es auf dieser Welt nicht noch bessere Orte gäbe.
Am nächsten Tag erzählten sie dem Drittem von ihrem Vorhaben, doch dieser antwortete ihnen auf die Frage, ob er mitkommen wolle: „Ihr seid doch Weltverbesserer. Wer hat euch dieses Märchen von einer anderen Gesellschaft in den Kopf gepflanzt? Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht… Was ist da hinzuzufügen? Auch wenn es das Ende unserer Freundschaft bedeutet; ich werde euch nicht begleiten.“
Die beiden waren traurig über seine Worte, doch sie hielten an ihrer Reise fest – die Idee eines besseren menschlichen Zusammenlebens hatte sich zu tief in ihr Herz gegraben.

So machten sie sich auf die Reise und durchwanderten viele Gegenden, manche davon waren noch trostloser als ihre Heimat. Doch nach einigen Wochen erreichten sie ein Land, dessen Grenze nur von einer Seite bewacht wurde. Sie kamen in eine größere Stadt und die Menschen dort sahen, dass die beiden Fremde waren und luden sie zu sich nach Hause ein. Sie waren ergriffen von der Gastfreundlichkeit der Einheimischen und konnten sich nur schweren Herzens für ein Übernachtungsangebot entscheiden. Die beiden lebten ein paar Wochen in der Stadt und lehnten keine Freundlichkeit der Menschen dort ab. Eines Abends saßen sie wieder zusammen, wie an dem Abend, an dem sie ihre Reise beschlossen hatten, und redeten über das Land, in dem sie nun waren.
„Hier ist es gut,“ sagte der eine: „die Menschen lieben einander, anstatt sich zu hassen. Hast du jemals in unserer Heimat eine solche Friedfertigkeit erlebt?“
„Du hast Recht. Die Gastfreundschaft ist beeindruckend, die Menschen tun einander unablässig gutes. Und doch weiß ich nicht, was dieses Volk verbindet. Es ist als hätte man in unfassbarer Mühe das ganze Land mit Straßenlaternen ausgestattet und zum Schluss vergessen, sie an ein Stromnetz zu schließen.“
Und sie redeten wieder bis spät in die Nacht hinein. Schließlich sagte der andere: „Nein, ich werde nicht hier bleiben. Es mag eigensinnig klingen, aber dieses Land hier ist nicht das, von dem mir meine Sehnsucht erzählt hat.“

Die Freundschaft wurde also vollends aufgehoben und der andere nahm am nächsten Tag Abschied. Der eine jedoch2009_05_abschied blieb in der Stadt. Er machte dort eine Ausbildung und begann zu arbeiten. Er fand eine Frau und gründete eine Familie. Er wollte werden, wie die Menschen, die dort wohnten und er schaffte es.
Sieben Jahre lang hörte er nichts mehr von dem anderen, bis dieser eines Tages an seine Haustür klopfte. Er öffnete ihm, lud ihn zum Essen ein und bat ihn, zu erzählen, was er in der Zwischenzeit erlebt hatte und warum er hier sei.
Der andere begann daraufhin mit seiner Geschichte: „Ich verließ diese Stadt und machte mich auf den Weg. Aber irgendwann wurde ich vom Wandern müde – ich war bereits mehr als fünf Monate unterwegs – und beschloss schließlich doch, hier zu bleiben. Zu dir zurückkehren konnte ich nicht, das verbot mir mein Stolz. Also fing ich an zu arbeiten, baute ein Haus und wurde wie die Menschen in diesem Land. Die Menschen waren gut zu mir und ich war gut zu ihnen. Vier Jahre lang lebte ich so, doch irgendwann kam es, wie das Sprichwort sagt: ‘Die Menschen lieben einander so lange, bis sie einander nicht mehr lieben.’ Ein unerträgliches Gefühl der Heuchelei überkam mich und ich fing an, Einladungen und Geschenke abzulehnen. Da veränderte sich die Haltung der anderen mir gegenüber. Bald kam ich mir vor wie ein Bettler, der einem König sein Zepter und damit seine Macht geklaut hatte. Die Blicke meiner Nachbarn wurden kalt. Doch um ehrlich zu sein, muss ich genauer sagen, dass sie bei meinem Anblick nicht mehr warm wurden – kalt waren sie immer gewesen, wenn sie sich unbeobachtet fühlten… Nach einiger Zeit hielt ich die misstrauischen Blicke der Menschen und ihr zögerliches Verhalten mir gegenüber nicht mehr aus und verließ dieses Land.
Es war eine harte und beschwerliche Reise. Ich musste noch einmal acht Monate wandern, bis eines Tages die Siedlungen verschwanden und ein verlassenes, ödes Grenzgebiet vor mir lag. Vier Tage und vier Nächte schleppte ich mich mit letzter Kraft durch diese Wüste. Es war mitten in der Nacht, als ich plötzlich in der Ferne Lichter erblickte: Es war die Beleuchtung ein großes Festes. Mit den Jahren wurde ich sehr argwöhnisch, so dass ich mich zunächst nur anschlich und beobachtete. Je länger ich da im geheimen saß, desto beeindruckter war ich. So ein Fest hatte ich noch nicht erlebt. Es war nicht wie in unserer Heimat, wo man sich trifft, um gemeinsam den Abend oder besser gesagt das Leben im Alkohol zu ertränken. Auch war es nicht wie die Feste hier, bei denen sich alles um den Gastgeber und seine Gastfreundlichkeit dreht. Es war, als wäre dieses Fest für einen anderen. Einen, der gar nicht da war. Doch alle anderen saßen an einer riesigen Tafel, an der es kein oben und unten, keine besser und schlechter bedienten Plätze gab. Und ich sah dem Anschein nach arme und reiche Leute, doch alle drückten mit ihren Gesten aus, dass sie genug hatten. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich das Wort Fülle begreifen – auch wenn ich nichts von dem sah, was ich mir bisher darunter vorgestellt hatte.
Man hätte diesen Leuten alles Geld der Welt und jeden Gegenstand, für dessen Besitz sich Menschen abplagen, bieten können und sie hätten doch nur gesagt: ‘Was störst du unser Fest? Feier mit, oder verschwinde!’ Da verlor ich mein Misstrauen, ging unsicher auf die Tafel zu und bat um etwas zu trinken. Man bot mir den Platz an, auf dem ich für den ganzen Rest der Feier sitzen blieb und Angst davor hatte, der Gastgeber würde doch noch auftauen und mich von seinem Platz verscheuchen.
In dieser Nacht fing ich an, zu begreifen, was das bedeutet, was wir hilflos mit dem Wort Liebe bezeichnen. In unserer Heimat kannte man es gar nicht, sondern nur den Schatten davon – Hass. Hier, in dem Land in dem du wohnst und ich vier Jahre lang gewohnt habe, hat man versucht, diesen Schatten hell zu machen. Man hat das Vorzeichen des Hasses umgekehrt. An Stelle von Kanonenkugeln fliegen hier Sahnetorten, was im Endeffekt das gleiche ist. Hier zählt nicht der Nächste, sondern die Tatsache, dass ich ihn liebe. Wenn er mir das nicht mehr erlaubt, werde ich ihn hassen – natürlich in einer geheimeren Form als in unserer Heimat. Die Liebe, die hier gelebt wird, ist anfangs meist nicht falsch – aber sie ist schwach: Kaum einer hält es länger als ein halbes Leben aus, sie hervorzubringen.
Die Liebe, die ich dort erlebt habe, kann nur von außen kommen. Denn sie muss das schaffen, was der Mensch niemals selbst vollbringen kann: Nämlich, ihn von dem Thron herunter zu holen, von dem herab er bisher die anderen Menschen betrachtet hat.
Einen Menschen zu lieben macht nur dann Sinn, wenn ich mit ihm auf einer Augenhöhe bin. Das begriff ich, als man mich bat, an der Festtafel Platz zu nehmen.
Warum ich zu dir komme? Ich bin hier, um dir von diesem Land zu erzählen!“



Die grosse Depression…
25. April 2009, 16:34
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… schläft in einem Volk, dessen Menschen nicht wissen, wer sie in Gottes Augen sind und was er von ihnen möchte.
Für mich gibt es nichts verzweifelteres als einen Menschen, der innerhalb den Wänden seines eigenen Horizonts verkümmert. Der als einzige Motivatoren nur noch schwache Echos seiner eigenen Stimme von diesen schalldichten Wänden empfängt.

2009_04_raumDas gilt ganz besonders für deutsche Kirchen, wo die „Religiosität“ wegbricht wie eine morsche Brücke. Und ganz besonders hier wird deutlich, dass man diese Stimme von außen nicht durch hundert religiöse Beschäftigungen und Klimmzüge ersetzen kann. Wo sie fehlt, bleiben für die Klärung der eigenen Identität nur noch die eigenen Worte, die verzweifelt versuchen, objektiv zu klingen.

Aus hundert Kaninchen wird niemals ein Pferd…
Fjodor M. Dostojewski



Freiheit
27. März 2009, 18:06
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Als ich heute morgen schlaftrunken durch den Frühnebel stolperte (im Badezimmer), kam mir ein Bild von einer Gemeinde: 2009_03_dkarte Das ist kein Puzzle mit Farbfehlern sondern eine deutsche Landkarte von 1378. Was sich heute mit einem Namen „Deutschland“ nennen lässt war mal ein Patchwork-Land aus dutzenden Kleinstaaten mit unterschiedlichen „Herrschern“. Das ist mein Bild von einer Gemeinde.
In einer Gemeinde trifft man auf einen bunten Teppich an Menschen, wie ihn ein noch so chaotischer Teppichweber niemals zusammen stellen würde: Es gibt traditionelle Menschen und solche, die nur die Zukunft lieben, um dann, wenn sie eintritt, wieder eine neue Zukunft zu lieben. Es gibt „Heilige“ und es gibt solche, die (für ihren Geschmack oder den der anderen) viel zu oft fehlerhaft sind. Es gibt Menschen, die den ganzen Tag lang tanzen (zumindest innerlich) und solche, die versuchen, den Tanz um sie herum aufzuhalten. Es gibt solche, die ein Blatt Papier zehn mal umdrehen und dann immer noch nicht fähig sind, es zu beschreiben und solche, die sofort drauf los schreiben und irgendwann merken, dass sie gar nicht wissen, was. Es gibt Köche und Choleriker, Diener und Propheten. Baba, der gutmütige Kamerad von Forrest Gump, könnte sicherlich noch ein paar Unterscheidungsmerkmale aufzählen. Und wenn die geographischen Grenzen dazu bestimmt sind, dass Länder Menschen festhalten und austauschen, dann sind die Grenzen in einer Gemeinde dazu da, an Meinungen und Eigenschaften festzuhalten und diese auszutauschen. Das alles ist und war zu allen Zeiten, glaube ich, normal.

Doch wenn etwas in einer christlichen Gemeinde nicht normal ist, dann ist es der Gedanke, dass es dort vielleicht verschiedene Christen gibt. Dazu muss man noch ein paar Sätze tippen:
Ein Christ ist ein Mensch, der an Jesus Christus als seinen persönlichen Herrn glaubt.

Mehr nicht (und auch nicht weniger).

Denn jede weitere Eigenschaft würde das Profil eines Christen im Wirklichkeit einengen. Und das tut es (leider meistens) auch. Nach zweitausend Jahren Kategorisierung sind wir heute soweit, dass hundert Menschen an hundert verschiedene Arten von „echten“, „richtigen“ oder „wirklichen“ Christen glauben: „Ein Christ ist ein Mensch, der die Bibel wortwörtlich befolgt.“ „…, der in Gemeinschaft mit anderen lebt.“ „…, der auch mal die Einsamkeit sucht.“ :…, der dieses oder jenes beständig tun oder lassen sollte.“ usw. Das sind alles wichtige Dinge und es gibt davon noch tausend weitere. Aber Jesus wollte nicht in erster Linie, dass wir bibeltreu oder bekennend oder fortschrittlich sind, sondern dass wir ihn kennen und als unseren Herrn lieben. Das ist der Kern, der im Alltag gerne mal an den Rand gedrängt wird. Doch wenn der Kern, der persönliche Glaube von jedem einzelnen an diesen Jesus, verloren geht, dann hat die Gemeinde ein Problem. Denn dann wird der persönliche Glaube zu einem einzigartigen Glauben (an die oben genannten Dinge oder tausend andere) und der will oder muss verteidigt werden. Dann wird die Gemeinde tatsächlich zu einer Landkarte, auf der die Kleinstaaten miteinander (nein, gegeneinander) Krieg führen.

Stell dir vor, die deutschen Kleinstaaten im Mittelalter hätten keinen andere Kommunikation untereinander gehabt als mit Schwert und Schild. Und würden plötzlich feststellen, dass sie die selbe Sprache sprechen und zum selben Volk gehören.
Stell dir vor, dass Christen in einer Gemeinde oder Gemeinden in einer Konfession oder gar ganze Konfessionen untereinander feststellen, dass sie tatsächlich einen Glauben haben. Wie viele „Schwerter“ könnten dann fallen gelassen werden…

Ein fester Glaube ist für die Freiheit unerlässlich. …
In besonderem Ausmaß trifft das im Falle der Religion zu. Solange man noch einen gemeinsamen Glauben hat, den jeder in einer bestimmten Gruppe ehrlich bekennt, wird diese Gruppe aus den alten, ewig neuen Gestalten der Religionsgeschichte bestehen: dem Heiligen, dem Heuchler, dem Zänker und dem armen Sünder. Derlei Leute bekommen einander gut, vielleicht tun sie sich zusammen, den Heuchler zu kurieren.
Aber sobald das Band der Lehre, das allein die Leute zusammenhält, zerbricht, wird alles zu seinesgleichen außerhalb der Gruppe streben. Die Heuchler werden sich zusammenscharen und einander als Heilige ausgeben, die Heiligen werden sich in der Wüste verlieren und einander arme Sünder nennen, die armen Sünder werden in der allgemeinen Luft des Schwachsinns noch schwächer werden, der Zänker aber wird Umschau nach jemandem halten, mit dem er sich zanken kann. …
Wo immer aber es zu derlei Fehlentscheidungen kommt, immer entspringen sie aus der Vernachlässigung der einen Wahrheit: dass die Menschen in einem Prinzip übereinstimmen müssen, damit sie in allen anderen verschiedener Meinung sein können; Gott gab ihnen ein Gesetz und das Recht, es in tausend Freiheiten zu verwandeln.
G. K. Chesterton

Durch Christus sind wir frei geworden, damit wir als Befreite leben. Jetzt kommt es darauf an, dass ihr euch nicht wieder vom Gesetz versklaven lasst.
Paulus, Galaterbrief 5,1

Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.
Paulus, 2. Korintherbrief 3,17b




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