G danken


Morgen fange ich an, zu leben

Im grau-weißen Zimmer seines winzigen Appartements saß ein Mann mit fingerlosen Händen und verlorenem Gedächtnis aufrecht in seinem Bett und verwünschte stumm sein Dasein. Er beobachtete die Spalte zwischen den Deckenleisten und der gewölbten Wand und fragte sich, welchen Unterschied es machen würde, wenn er für immer in diesen verschwinden könnte.
Da stand plötzlich ein Engel in seinem Zimmer und fragte mit menschlicher Stimme: „Warum lebst du nicht und ehrst Gott?“

Der Mann, der zu Verwunderung kaum mehr fähig war, antwortete: „Du hast gut reden. Sag mir, was für ein Leben ich ohne Erinnerung führen soll. Hat jemals ein gefällter Baum neue Wurzeln geschlagen?“
„Nein. Aber manch eine Seele hier würde sich freuen, das Privileg eines Bewusstseins ohne Gedächtnis zu haben.“
Das brachte den Mann ins Grübeln und er war wieder allein.

Nach einer Woche verbrachte er immer noch seine freie Zeit damit, aufrecht im Bett zu sitzen. Er schaute die erstarrten Pinselstriche seiner weißfarbenen Zimmerwand flehend an, als läge es in ihrer Macht, seine Existenz ebenso zum Stillstand zu bringen. Und wieder kam der Engel zu ihm und fragte ihn, fast kumpelhaft: „Warum lebst du nicht und ehrst Gott?“
Der Mann hob die verstümmelten Hände und sagte: „Wie soll ich hiermit leben? Gib mir meine Finger zurück und ich will leben!“
Da verschwand der Engel und erschien als Landstreicher zwei Jungen, die mit mehreren Dutzend zerlegten Feuerwerkskörpern und einer kleinen Konservendose versuchten, den kindlichen Traum vom großen Knall wahr zu machen. Er flüsterte dem einen etwas ins Ohr, woraufhin dieser die Konservendose nahm, sie mit Wasser vom nahen See füllte, über das Schwarzpulver goss und von seinem Freund verprügelt wurde.

Kurze Zeit später war der Engel wieder bei dem Mann in seinem Zimmer, um sich erfolglos nach dessen gesteigerter Lebensbereitschaft zu erkunden. Der Besuchte entschuldigte sich: „Vier Finger einer Hand habe ich wiederbekommen, doch zu körperlicher Arbeit tauge ich nicht und reden kann ich genauso schlecht. Wie soll ich ohne Zeigefinger und mit nur einem Daumen in dieser Welt von Nutzen sein? Gib mir meine Finger wieder und ich will leben!“
Der Engel verließ das Zimmer durch die Tür und trat gleichzeitig als Guerrillero mit abgewetzter Lederweste und Maschinenpistole in einen anderen, dunkleren Raum, in dessen Mitte ein Tisch aufgestellt war, auf dem ein junger Mann angebunden war und gefoltert wurde. Er ging sicheren Schritts zu dem Folterer, der ungeduldig mit einem langen Dolch an der Tischkante herumschnitzte und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dieser verließ daraufhin mit zufriedenem Blick den Raum und ließ die Türe hinter sich offen. Der Guerrillero löste die Fesseln des Gefolterten und befahl ihm, zu verschwinden.

Im grau-weißen Zimmer wiederum saß nun der Mann, immer noch ohne Erinnerung, dafür mit acht Fingern und starrte erneut die Wand an, als wäre sie ein alpines Bergpanorama. Mit mathematischer Genauigkeit errechnete er, dass das allgemeine Weltgeschehen vom allgemeinen Weltgeschehen inklusive seiner Existenz abgezogen wohl keine bemerkenswerte Differenz ergäbe. Und ein letztes Mal kam der Engel in seine Nähe, setzte sich neben ihm auf die Bettkante und forderte ihn auf, zu leben und Gott als Individuum zu ehren.
„Wenn das doch alles so einfach wäre. Sieh dir mich doch an. Beide Zeigefinger fehlen mir. Wie sollte ich da filigrane Arbeit bewältigen oder viel mehr noch dem Gespött der Menschen standhalten? Sorge dafür, dass ich meine Zeigefinger bekomme und ich werde leben!“
Da seufzte der Engel, wozu er nur auf dieser Erde Anlass fand, und sagte dem Mann ins Gesicht: „Nein, das würdest du nicht. Ich würde dir die Zeigefinger besorgen und dazu noch acht weitere Finger für jede Hand und du würdest doch raus auf die Straße gehen, die Anderen beobachten und dich beklagen, dass dir dieses oder jenes Talent fehlt oder an Geld oder an einer bedeutungsvollen Berufung. Darüber hinaus kann ich nicht dafür sorgen, dass du Zeigefinger bekommst, da du nie welche hattest. Du warst dafür bestimmt, einer der Wenigen zu sein, die nicht mit ausgestrecktem Finger auf ihre Mitmenschen zeigen.“



Die grosse Depression…
25. April 2009, 16:34
Einsortiert unter: Christliches | Schlagwörter: ,

… schläft in einem Volk, dessen Menschen nicht wissen, wer sie in Gottes Augen sind und was er von ihnen möchte.
Für mich gibt es nichts verzweifelteres als einen Menschen, der innerhalb den Wänden seines eigenen Horizonts verkümmert. Der als einzige Motivatoren nur noch schwache Echos seiner eigenen Stimme von diesen schalldichten Wänden empfängt.

2009_04_raumDas gilt ganz besonders für deutsche Kirchen, wo die „Religiosität“ wegbricht wie eine morsche Brücke. Und ganz besonders hier wird deutlich, dass man diese Stimme von außen nicht durch hundert religiöse Beschäftigungen und Klimmzüge ersetzen kann. Wo sie fehlt, bleiben für die Klärung der eigenen Identität nur noch die eigenen Worte, die verzweifelt versuchen, objektiv zu klingen.

Aus hundert Kaninchen wird niemals ein Pferd…
Fjodor M. Dostojewski




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