G danken


Macht

„Spätestens in der elften Klasse, als ich merkte, dass die Politik nur eine dumme fette Kuh ist, die auf den Wiesen grast, zu denen man sie geführt hat, beschloss ich, anstatt Politiker Journalist zu werden. Ich wollte die Zäune setzen. Aber Vorsicht; glauben Sie nicht, dass mir die großen Storys in den Schoß gefallen sind. Vielleicht sitzen auch Sie gerade am hundertsten Bericht über Jubilare in ihrer Ortschaft und ich sage Ihnen: wenn Sie es wie ich zum Chefredakteur der einflussreichsten Tageszeitung in Deutschland bringen möchten, dann liegen noch mindestens zehntausend solcher scheinbar banalen Unwichtigkeiten vor Ihnen. Das ist Ihr Lehrgeld – zahlen Sie es! Dass es sich gelohnt hat, wissen Sie spätestens dann, wenn der Bundesrat sich mit Gesetzestexten rumschlägt, für deren Inhalt sie ein Jahr zuvor den Leitartikel freigegeben haben.“

„Sie haben Post!“
Die Hochtöner seines PCs holten Michael M. in die Realität zurück. Es war die Bestätigungsmail von der stellvertretenden Vorsitzenden des Museumsvereins; ja, wenn es denn von solcher Bedeutung wäre, hätte sie Zeit für ihn. Michael M. seufzte. Nein, er war kein Chefredakteur und wahrscheinlich würde niemand seine Biographie schreiben wollen – geschweige denn lesen. Er war eben lediglich Redakteur eines mittelgroßen Provinzblatts. Gerade, als der Termin eingetragen war, erblickte er die Praktikantin mit einem Packen Post unter dem Arm. Es tröstete ihn, dass wenigstens das inzwischen jemand anderes machte.
Ein brauner Umschlag landete auf seinem Tisch. Die Handschrift erkannte er sofort: Karl. Was wollte sein alter Klassenkamerad mit voyeuristischer Ader ihm jetzt schon wieder für einen Unsinn verkaufen? Er zog drei Fotos und den üblichen Notizzettel heraus. Karl liebte schon immer den geheimnisvollen Telegrammstil: „Brisantestes Material. Hotel Atlantic Kempinski, Hamburg. Habe noch mehr Abzüge. Karl.“

Michael M. legte den Zettel beiseite und sah sich eins der Bilder an. Es war jedoch so verschwommen, dass man gerade so die Silhouette eines Fensters erahnen konnte. Mit Absicht fiel es in den Papierkorb. Das zweite Foto jedoch war scharf. Zehn Sekunden lang betrachtete er es – dann war sein Unterkiefer unten angekommen. Wie bei einem Lottogewinner, der ungläubig vor der Glotze hockt und die Frage „Sind das meine Zahlen?“ buchstabiert, während er an seiner geistigen Zurechnungsfähigkeit zweifelt, bildeten sich einfache Fragen in seinem Kopf: „Ist das unser Staatsoberhaupt?“ „Ist seine Frau nicht älter?“ „Warum ist die Ehe in manchen Kreisen eigentlich immer noch so bedeutsam?“
Die Antworten lagen auf der Hand. Michael M. schüttelte sich und überprüfte die Empfängeradresse. Was hatten solche Bilder hier verloren? Aber auch diese Frage ließ sich beantworten. Karl hatte so viel Geschäftssinn wie ein Obstbaum Schraubverbindungen. Selbst wenn er die Weltformel gefunden hätte, würde er sich an seinen „alten Freund von der Zeitung“ wenden. Ein schelmisches Lächeln, dem er nichts entgegensetzen konnte, eroberte sein Gesicht. Seine Vorstellungen von Geschichte waren vage, aber in diesem Moment fühlte er sich wie der Lehrling Michelangelo, dem der Papst offeriert, das Paradies in die Alpen zu meißeln. Das war seine Chance. Vielleicht die einzige.

Für einen Moment nahm er die Fäden des Puppenspielers entgegen, doch dann war sie schon wieder präsent: diese lästige innere Stimme, die scheinbar all sein Schaffen zu boykottieren suchte: Ist das OK? Ist der Bundespräsident nicht auch ein Mensch oder nur eine Titelstory?
Der Puppenspieler auf der anderen Seite hingegen leitete seinen Lehrling erneut an; Michael M. spürte, wie die Figur auf seine Züge reagierte. Er flehte sie an, die Aura der Macht, noch einen Moment auf seinem Wesen verweilen, doch die Stimme tönte lauter: Ist es richtig, seine Karriere aus den Trümmern anderer Menschen Leben zu bauen?
Mit einem vertrauten Schulterklopfen übergab der Lehrmeister die Marionette vollends in die Hände des anderen und beobachtete ihn beim Spiel. Wie im Rausch erlebte dieser seinen Aufstieg aus den Untiefen der Gewöhnlichkeit. Doch gerade, als er seine Rolle als Rollenverteiler im Theater dieser Welt wahrnehmen wollte, erreichten ihn mit verschwindender Lautstärke die Worte: „Tu es nicht – du wirst einer von ihnen.“ Er hielt inne und horchte näher hin: „Mit den gleichen Mitteln wurde dein Vater für sechs Jahre deiner Kindheit ins Stasi-Gefängnis gebracht. Vielleicht nennt man es jetzt anders, vielleicht ist die Wirkung eine andere, aber es bleibt dasselbe.“

Michael M. drehte sich um und blickte mit der Forderung nach einer Stellungnahme ins Gesicht des Puppenspielers. Dieser brachte jedoch nur das dümmliche Lächeln zustande, das ein Achtjähriger nach dem Vorwurf des Süßigkeitendiebstahls zustandebringt, während er zwischen den Backenzähnen noch den letzten Keks zu Ende malmt. Ohne zu zögern schlug der Redakteur das Angebot aus und schleuderte das Holzkreuz in die Fratze des armen Teufels, der sich daraufhin mit seiner Marionette in Luft auflöste.

Das Dokument mit Namen „Vom Fall eines Großen“, das in der Zwischenzeit wie von Geisterhand auf seinem Desktop entstanden war, erhielt einen neuen Namen: „Brief an Karl“. Und von jetzt auf gleich war sie – wenigstens für kurze Zeit – verschwunden; die bohrende Forderung aus der Tiefe des Herzens, alles und jeden auf dieser Welt nutzen zu müssen.



Gebet 2.0
20. November 2009, 19:04
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Nur, weil mehr ein Stück begehren
vom Lebensglück im Rampenlicht
wird der Kuchen sich nicht mehren,
der selten hält, was er verspricht.
Eins ist sicher, bleibt besteh’n,
dass die nächste Plattform kommt,
twitter, wordpress, wer-kennt-wen,
und den Erstplatzierten krönt.
Weltberühmt für zehn Minuten
und die Masse betet an.
Jeder denkt: „Ich muss mich sputen,
dann bin ich als Nächstes dran.“
Rechner, Browser, World Wide Web,
tausend Fenster gehen auf.
Das Axiom: Ich bin kein Depp.
Sagt es mir: Ich hab es drauf!

Doch die Stimme ist zu leise,
die den Beweis erbringen soll,
flüstert mir auf ihre Weise:
„Irgendwie bist du nicht toll!
Irgendetwas ist da toller,
bei dem Herrn XY,
mehr Klicks und auch das Gastbuch voller!“
die zweite Geige kenn’ ich schon.
Und wieder taucht die Frage auf,
die sich nicht verbergen lässt:
„Bin ich gut – hab ich es drauf?
Oder zählt man mich zum Rest?“
Doch so langsam dämmert’s mir,
tritt das Licht auf meine Schwelle,
lässt das Fünkchen Einsicht hier,
dass ich die falsche Frage stelle.

Dass all mein Fragen und Beweisen
das eine Ziel im Auge hält;
der einen Frage auszuweichen,
die man nur an die Allmacht stellt.
Stimmt es, was die Alten sagen,
dass da einer alles lenkt?
Stärker sind zynische Klagen,
dass hier nur der Zufall denkt.
Doch lauter noch, der Schrei der Stille –
wenn die Medien Pause haben.
Dann wird klar mein erster Wille
und ohne Worte muss ich fragen:
Heilst Du meine Teile-Welt,
die selbst nicht mehr zusammenhält?
Hältst Du mich, fängst Du mich auf?
Bist Du Gott? Hast Du es drauf?

 




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