Einsortiert unter: Kurzgeschichtliches | Schlagwörter: Christus, Disqualifikation, Egoismus, Hilfe, Jesus, Kreuz, Last, Luftballons, Nächstenliebe, Rennen, Sinn, Zusammenbruch
„…und achte auf die Regeln,“ rief mir der Mann noch hinterher, der mir ein Holzkreuz – so groß, dass ich es gerade noch an meine Halskette hängen konnte – gegeben hatte.
Ich war im Traum auf einer großen Laufbahn, die zu einem Stadion gehörte, dessen gegenüberliegende Seite durch die Erdkrümmung, oder was auch immer das hier für ein Planet war, verborgen blieb. Wo das Auge auch hinblickte, überall sah man Menschen gehen, humpeln oder stehen, die ein mehr oder weniger großes Kreuz geschultert hatten. Es war ein buntes Durcheinander und so beschloss ich in meiner Verwirrung, die nächstgelegene Person zu fragen, wo ich hier gelandet bin und was das alles soll.
Die Frau, die ich ohne Mühe einholen konnte, da sie vier oder fünf Kreuze hinter sich her zerrte und dabei kaum vorankam, erklärte mir: „Ah, mein Junge, ich sehe, du bist neu hier. Was wir hier machen? Wir drehen unsere Runden, was denn sonst?! Nein, ich habe aufgehört zu zählen, das würde den Geist nur unnötig deprimieren… Warum ich so viele Kreuze trage? Weißt du, es heißt, dass man Anderen die Last abnehmen soll. Immer, wenn ich jemanden zusammengebrochen auf der Strecke finde, frage ich ihn, ob ich sein Kreuz haben kann. Vier mal hat’s funktioniert…“
„OK… Aber sie scheinen sich damit ja ganz schön abzuplagen.“
„Tja, man kann es sich halt nicht immer aussuchen. Manchmal komme ich mir wie eine Staffelläuferin vor, die keinen Abnehmer für ihren Stab findet und immer weiterlaufen muss. Aber ich will mich nicht beklagen.“ Dabei klopfte sie mir auf die Brust und beugte den Kopf erneut unter ihre Last.
Ich beschloss daraufhin, mir erst einmal selbst ein Bild zu machen und schlenderte neugierig die Bahn entlang. Irgendwann fiel mir ein Mann in feiner Kleidung auf, an dessen Kreuz mehrere Dutzend Luftballons gebunden waren. Es schien, als trügen diese das ganze Gewicht und als müsse er dabei nur die Richtung halten. Er sah, wie ich sein Konstrukt wahrnahm und gab mir ein Zeichen, zu ihm zu kommen. Er sprach mit lautem, selbstbewusstem Ton: „Na, Junge. Wohl noch nicht so lange hier? Komm ruhig näher, hier kann dir ein kluger Mann wertvolle Ratschläge erteilen. Ist alles eher suboptimal hier, aber wenn man weiß, wie man sich helfen kann, wird es bald ganz angenehm… Ja, die Ballons tragen das Kreuz. Der Ballonverkäufer müsste bald da hinten zu sehen sein. Natürlich halten die nicht ewig, davon lebt dieser Halsabschneider schließlich ziemlich gut… Aber hier und da findet sich am Straßenrand ein mittelloses Kind, das für ein paar Groschen das Kreuz schultert. Sicher ist das moralisch nicht ganz optimal. Aber die Kinder brauchen das Geld ja auch, von daher…“ Durch einen plötzlich zerplatzenden Luftballon wurde er unterbrochen: „Verdammte Scheiße!“ brüllte er und blickte in Richtung Himmel. Schließlich wandte er sich mir mit einem aufgesetzten Lächeln wieder zu: „Nichts für ungut, Bürschchen. Man sieht sich!“
Das einzige, was ich bis dahin begriffen hatte war, dass jeder hier sehr stark von seiner eigenen Sache beschlagnahmt war. Ungefähr eine halbe Stunde später – ich hatte inzwischen auch den Ballonverkäufer mit einer riesigen Schlange davor gesehen – fiel mir ein hölzerner Trümmerhaufen ins Auge. Als ich ihn erreichte und mir näher anschaute, entdeckte ich unter den Kreuzen, genauer gesagt dem, was davon übrig geblieben war, das ausgezehrte Gesicht einer alten Frau. Sie war ganz offensichtlich dem Sterben nahe und ich fragte sie, ob ich sie befreien sollte. Es dauerte ein wenig, bis sie reagierte: „Befreien? Wovon befreien? Kannst du etwa die Erde aufrollen oder den Himmel runterholen? Nein, hier ist alles Gefängnis – alles ein ganz schwarzer Scherz. Du bist sicher noch jung und verblendet… Hast du schon das gewaltige Kreuz gesehen, das man an der Ziellinie aufgestellt hat? Sie sagen, dass es der Erste einst dahin getragen hat, und dass damit jede Last tragbar geworden ist… So ein ausgemachter Schwachsinn. Sieh dir mich nur an. Nein, hier ist alles Gefängnis.“
„Aber ich kann Sie doch wenigstens aus den Trümmern befreien!“
„Bist du verrückt? Was sollen denn da die Leute sagen? Dass ich es mir leicht gemacht habe? Nichts für ungut Kleiner, aber es gibt Sachen, die wirst du erst verstehen, wenn du alt genug dafür bist. Und bis dahin lass bitte eine alte Frau in Ruhe sterben…“
OK, dachte ich mir, man kann niemanden zu seinem Glück zwingen, und ging nachdenklich weiter. Ich spürte, wie das Kreuz an meinem Hals merklich schwerer geworden war und es schien, als wäre es auch ein wenig gewachsen. Mit der Tatsache, dass das hier wohl eher die Hölle als der Himmel war, hatte ich mich inzwischen beinahe abgefunden.
Da tauchte neben mir plötzlich eine Gruppe aus drei Männern und zwei Frauen auf. Sie waren recht schnell, trotz ihrer Kreuze, die zusammengebunden und quer über ihrer aller Schultern gelegt waren. Ich meinte sogar, zwei von ihnen lachen gesehen zu haben, was ich bis dahin noch nirgendwo bemerkt hatte. Ich ging zu ihnen und sagte: „Entschuldigen Sie, aber bei Ihnen scheint das mit dem Tragen ja ziemlich gut zu funktionieren. Sie sehen alle sehr glücklich aus.“
„Tun wir das? Vielleicht muss es so sein, um die Zyniker abzuschrecken. Und so gut, wie es aussieht, funktioniert es auch nicht immer,“ antwortete mir ein Mann aus der Gruppe: „Aber unter Umständen können wir dir ein paar Tipps geben. Naja, so wie es jetzt läuft, war es nicht immer. Wir alle haben unsere Geschichte. Wir alle versuchten, unser Kreuz alleine zu tragen.
Mary hier zum Beispiel war Stammkunde beim Ballonverkäufer. Anfangs natürlich nur ein oder zwei Ballons. Aber jedes Kreuz wird mächtiger und sie merkte, dass es anders scheinbar nicht mehr zu tragen ist. Doch der Ballonverkäufer verrät seinen Kunden nicht, dass es gegen die Regeln verstößt. Als Mary dann eines Tages beobachtete, wie der Veranstalter eine verzweifelt schreiende Frau mit mehreren Ballons an ihrem Kreuz disqualifizierte, schnitt sie ihre ab und war zu niedergeschlagen, um weiter zu gehen: Sie hatte in der Zwischenzeit gar nicht gemerkt, wie schwer ihr Kreuz geworden war. Gott sei Dank fanden Carl und die anderen sie kurz darauf – die, die zuletzt auch mich auflasen.
Ich war der Typ Packesel: alles, was tragbar ist. Irgendwann bin ich dann einfach zusammengebrochen. Es ist nicht immer Nächstenliebe, die hinter Hilfsbereitschaft steckt. Inzwischen weiß ich, dass ich den Anderen ihr Kreuz ohne Interesse für die Person wegnahm, damit man meine Leidensbereitschaft bewundern kann. Aber so etwas braucht Zeit.
Wir alle haben unsere Verletzungen und enttäuschen uns regelmäßig. Es gehört dazu.“
„Und warum geht es gemeinsam besser?“
„Das ist eine einfache Frage: wenn einer nicht mehr kann, trägt er am leichten Ende oder läuft nebenher und denkt sich Geschichten aus, mit denen er die anderen unterhält.“
Ich ging noch eine Weile mit ihnen und keiner sagte etwas. Irgendwie schien mir eine harmonische Gruppe in diesem gewaltigen Chaos etwas suspekt und schließlich sagte ich: „Gibt es für Sie auch schwere Fragen?“Der Mann lugte aus der Reihe hervor, sah mich freundlich an und sagte nachdenklich: „Manchmal ist die Frage, wofür das Ganze hier gedacht ist, verdammt schwer zu beantworten.“
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„Jetzt kommen sie wirklich aus den letzten Winkeln der Stadt, um ihn zu sehen!“ raunte Jakobus und drehte sich vom Fenster weg den anderen zu.
„Man sollte doch eigentlich meinen, dass der Sohn Gottes besseres zu tun hätte, als der Bevölkerung einer Provinzstadt die Hände auf zu legen.“
„Schlafen zum Beispiel…“
„Naja, das hat er sich verdient; drei Tage lang geredet und geheilt und zum Abschluss einige tausend Brote zerbrochen. Ich kann nicht aus Erfahrung sprechen, aber ich behaupte mal: das schlaucht!“ meinte Johannes.
„Wenn er aufwacht, bemerkt er vielleicht endlich mal das Schreibzeug, dass ich seit vier Monaten hinter ihm her schleppe. Ich meine, die Leute werden uns am Ende verantwortlich machen: Super, der Erbauer der Welt und ihr König war bei euch und ihr habt nicht dafür gesorgt, dass er ordentliche Memoiren schreibt: Formeln, Naturgesetze; wie das mit dem menschlichen Miteinander gedacht war und was man macht, damit es endlich funktioniert…“ gab Matthäus zu bedenken.
Von der Tür her drang ein gewaltiges Klopfen durch den Raum.
„Petrus!“ prophezeite Andreas.
Es war tatsächlich Petrus, der sich – unterlegt vom Schreien und Rufen der Außenstehenden – durch die Pforte drückte und eine Minute brauchte, um Luft zum Sprechen zu bekommen: „Wahnsinn, der absolute Wahnsinn – Es – Es artetet aus – Die Leute haben alles mitbekommen – Sie – Sie drehen einfach durch – … – Da draußen ist eine Frau, die glaubt, dass ihr Sohn von ihm wieder lebendig gemacht werden kann…“
„Eine arme Gegend ist das hier – wo sonst kommt solch eine Hoffnung her“ sagte Andreas und schaute noch einmal nach, ob der Türriegel fest auf seinem Platz lag.
Eine ganze Zeit lang versuchten die Jünger, durch Schweigen Ruhe in den Raum zu bringen, was jedoch der Geräuschkulisse keine Minderung brachte.
„Wir müssen etwas tun!“ rief schließlich Petrus und schlug mit aller Gewalt auf den Tisch.
„Du hast Recht,“ gab Bartholomäus leise zurück, der ansonsten eher schüchtern war. Mit einem Mal hefteten ihm die wankelmütigen Blicke aller anderen die Bringschuld einer Lösung an und er bereute seinen Kommentar.
Er dachte verzweifelt nach und fing einen Moment später an: „Lasst – Lasst uns beten – … – Herr, unser Gott. Du siehst die Not dieser – dieser Menschen. Du siehst alle ihre Not…“
Johannes bemerkte die Unsicherheit seines Bruders und sufflierte ihm das ein oder andere Wort.
„… schicke starke Menschen, die hier helfen können. Helfer aller Art. Für alles, was hier gebraucht wird. Zeige dich diesen Menschen, damit sie losgehen und helfen. Amen.“
Im gleichen Augenblick wurde die Tür zum hinteren Raum des Hauses geöffnet und die zwölf waren nicht mehr allein. Der Mann im Türrahmen hatte lange Haare und ein langes Gewand – was ihn von den anderen nicht unterschied.
Er, der alle Antworten kannte, fragte: „Ihr habt mich gerufen?“
Einsortiert unter: Kurzgeschichtliches | Schlagwörter: Amnesie, Berufung, Depression, Engel, Hoffnung, Leben, Mangel, Nachteil, Niedergeschlagenheit, Unterschied, Vorteil, Zukunft, Zweifel
Im grau-weißen Zimmer seines winzigen Appartements saß ein Mann mit fingerlosen Händen und verlorenem Gedächtnis aufrecht in seinem Bett und verwünschte stumm sein Dasein. Er beobachtete die Spalte zwischen den Deckenleisten und der gewölbten Wand und fragte sich, welchen Unterschied es machen würde, wenn er für immer in diesen verschwinden könnte.
Da stand plötzlich ein Engel in seinem Zimmer und fragte mit menschlicher Stimme: „Warum lebst du nicht und ehrst Gott?“
Der Mann, der zu Verwunderung kaum mehr fähig war, antwortete: „Du hast gut reden. Sag mir, was für ein Leben ich ohne Erinnerung führen soll. Hat jemals ein gefällter Baum neue Wurzeln geschlagen?“
„Nein. Aber manch eine Seele hier würde sich freuen, das Privileg eines Bewusstseins ohne Gedächtnis zu haben.“
Das brachte den Mann ins Grübeln und er war wieder allein.
Nach einer Woche verbrachte er immer noch seine freie Zeit damit, aufrecht im Bett zu sitzen. Er schaute die erstarrten Pinselstriche seiner weißfarbenen Zimmerwand flehend an, als läge es in ihrer Macht, seine Existenz ebenso zum Stillstand zu bringen. Und wieder kam der Engel zu ihm und fragte ihn, fast kumpelhaft: „Warum lebst du nicht und ehrst Gott?“
Der Mann hob die verstümmelten Hände und sagte: „Wie soll ich hiermit leben? Gib mir meine Finger zurück und ich will leben!“
Da verschwand der Engel und erschien als Landstreicher zwei Jungen, die mit mehreren Dutzend zerlegten Feuerwerkskörpern und einer kleinen Konservendose versuchten, den kindlichen Traum vom großen Knall wahr zu machen. Er flüsterte dem einen etwas ins Ohr, woraufhin dieser die Konservendose nahm, sie mit Wasser vom nahen See füllte, über das Schwarzpulver goss und von seinem Freund verprügelt wurde.
Kurze Zeit später war der Engel wieder bei dem Mann in seinem Zimmer, um sich erfolglos nach dessen gesteigerter Lebensbereitschaft zu erkunden. Der Besuchte entschuldigte sich: „Vier Finger einer Hand habe ich wiederbekommen, doch zu körperlicher Arbeit tauge ich nicht und reden kann ich genauso schlecht. Wie soll ich ohne Zeigefinger und mit nur einem Daumen in dieser Welt von Nutzen sein? Gib mir meine Finger wieder und ich will leben!“
Der Engel verließ das Zimmer durch die Tür und trat gleichzeitig als Guerrillero mit abgewetzter Lederweste und Maschinenpistole in einen anderen, dunkleren Raum, in dessen Mitte ein Tisch aufgestellt war, auf dem ein junger Mann angebunden war und gefoltert wurde. Er ging sicheren Schritts zu dem Folterer, der ungeduldig mit einem langen Dolch an der Tischkante herumschnitzte und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dieser verließ daraufhin mit zufriedenem Blick den Raum und ließ die Türe hinter sich offen. Der Guerrillero löste die Fesseln des Gefolterten und befahl ihm, zu verschwinden.
Im grau-weißen Zimmer wiederum saß nun der Mann, immer noch ohne Erinnerung, dafür mit acht Fingern und starrte erneut die Wand an, als wäre sie ein alpines Bergpanorama. Mit mathematischer Genauigkeit errechnete er, dass das allgemeine Weltgeschehen vom allgemeinen Weltgeschehen inklusive seiner Existenz abgezogen wohl keine bemerkenswerte Differenz ergäbe. Und ein letztes Mal kam der Engel in seine Nähe, setzte sich neben ihm auf die Bettkante und forderte ihn auf, zu leben und Gott als Individuum zu ehren.
„Wenn das doch alles so einfach wäre. Sieh dir mich doch an. Beide Zeigefinger fehlen mir. Wie sollte ich da filigrane Arbeit bewältigen oder viel mehr noch dem Gespött der Menschen standhalten? Sorge dafür, dass ich meine Zeigefinger bekomme und ich werde leben!“
Da seufzte der Engel, wozu er nur auf dieser Erde Anlass fand, und sagte dem Mann ins Gesicht: „Nein, das würdest du nicht. Ich würde dir die Zeigefinger besorgen und dazu noch acht weitere Finger für jede Hand und du würdest doch raus auf die Straße gehen, die Anderen beobachten und dich beklagen, dass dir dieses oder jenes Talent fehlt oder an Geld oder an einer bedeutungsvollen Berufung. Darüber hinaus kann ich nicht dafür sorgen, dass du Zeigefinger bekommst, da du nie welche hattest. Du warst dafür bestimmt, einer der Wenigen zu sein, die nicht mit ausgestrecktem Finger auf ihre Mitmenschen zeigen.“
Einsortiert unter: Kurzgeschichtliches | Schlagwörter: Aberglaube, Freiheit, Gemeinde, Hoffnung, Jesus, Kirche, Sorgen, Verbitterung, Verletzung, Verschlossenheit
Karl ist ein ganz normaler Junge im Alter von zehn Jahren. Er spielt Fussball, zerstört Lego-Bauten und setzt auf Konfrontation beim anderen Geschlecht. Sonntags geht er sogar zur Kirche – weil man das so macht. Eigentlich macht er das sogar gerne. Nur ein Satz, den dummerweise viele der Leute da immer betonen, stört ihn irgendwie: „Jesus ist für unsere Schuld gestorben.“
Nicht, dass er was gegen diesen Jesus hätte. Karl fühlt sich nur einfach nicht schuldig. Er kann mit diesem Satz einfach nichts anfangen. Und das macht ihn zu einem einsamen Gottesdienstbesucher. Denn um ihn herum reden alle mit schweren Worten davon, dass Jesus für ihre Schuld gestorben ist und dass das ja das Wichtigste ist. Und weil er das Wichtigste nicht versteht, so denkt Karl, gehört er nicht dazu. Und statt sich schuldig zu fühlen – damit auch er etwas mit diesem Jesus anfangen kann – fühlt er sich deswegen unglücklicherweise auch noch benachteiligt und ungerecht behandelt.
Dreiundzwanzig Jahre später: Karl ist endlich ein vollwertiger Teil der Gemeinde. Nach mehreren Bekehrungen kam er schließlich zu der Überzeugung, dass er als Mensch ja eine ganze Menge Schulden angehäuft hat, die ihm nur dieser Jesus wegnehmen kann. So spürt auch er nun die bittersüße Last der Schuld und kann jetzt mitreden, wenn es um diesen Jesus geht.
Eines Samstag abends ist ein besonderer Gottesdienst, bei dem Menschen aus der Gemeinde ihre Gedanken zu einem Thema von der Kanzel aus mit den anderen teilen. Das Thema an diesem Abend ist: Das Kreuz des 21. Jahrhunderts.
Nach einem Mann und einer Frau aus der Gemeinde tritt plötzlich ein Fremder hinter die Kanzel. Er sieht etwas heruntergekommen aus und redet mit klaren, lauten Worten: „Gott spricht die Menschen schuldig, auch wenn sie von ihrer Schuld nichts spüren. Und genauso hat Sein Sohn ihnen ihre Sünden am Kreuz weggenommen. Sünden, von denen sie noch gar nichts wussten. Er geht zu den Gefangenen und zerreißt ihre Ketten. Er geht zu den Ängstlichen und lässt ihnen eine neue Sonne aufgehen. Er schenkt den Verzweifelten eine Freiheit, von der sie noch gar nicht wussten, dass sie existiert und ihnen fehlt.“
Und in diesem Moment ist es, als würden die Kirchenfenster unter dem Druck des Windes, der von draußen dagegen bläst, bersten. Doch die Last der Schwermut hält von innen dagegen und nichts geschieht. Die Worte verhallen im Raum und in der folgenden Stille merkt man, dass eine Welle der Unmut anschwillt und auf die Kanzel zuläuft. Ein älterer Mann bemerkt geistesgegenwärtig die zynischen Blicke und geht leichten Schritts zu dem Mann hinter der Kanzel. Mit gönnerhafter Miene flüstert er ihm zu: „Verehrter Herr; in dieser Kirche sitzen eine ganze Menge Menschen, die Schweres erlebt und durchlitten haben. Dass wir uns trotz allem hier so versammeln können ist keine Selbstverständlichkeit. Wissen Sie, was uns der Zusammenhalt dieser Gemeinschaft von gefallenen Menschen kostet?“
Das darauf folgende Schweigen interpretiert der Fragende als Einladung, fortzufahren: „Dann wissen Sie sicher auch, was wir hier ganz und gar nicht gebrauchen können…“
„Ja, ich weiß es.“ gibt der Fremde nach einer kurzen Pause zurück und Tränen treten in seine Augen. Er geht zur Wand hinter dem Altar, hebt seine Arme – wobei Wundmale an seinen Händen hervortreten, nimmt das hölzerne Kreuz herunter und verlässt mit diesem die Kirche.
Einsortiert unter: Kurzgeschichtliches | Schlagwörter: Kirche, Stimme, Verletzung
Kein Mensch wird mit Bedeutung in diese Welt gesetzt. So, als stünde da ein Thron oder eine Berufung, die auf ihn warte wie der Eierbecher aufs Ei. Das zumindest glaubt man und Jan war einer der Menschen, die diesen Glauben mit ihrem ganzen Dasein bestätigen. Nicht wenige von uns versuchen, diesen „Geburtsfehler“ durch allerlei Betriebsamkeit wettzumachen – Jan wäre der letzte, dem das einfiele. Er begnügte sich vollkommen mit der Tatsache, zu existieren. Hätte man ihn gefragt, was er denn in seinem jungen Leben noch so alles werden möchte, so hätte er geantwortet: „Nichts. Ich bin doch schon.“
Jeden Sonntag ging er in die Kirche und hätte er dies plötzlich gelassen, so hätte unter Umständen nur die Fraktion, die sich für die Anwesenheitskontrolle der „armen Seelen“ zuständig fühlt, seine Abwesenheit bemerkt. Jan war nicht talentfrei – er malte wie ein kleiner Michelangelo. Doch weil die bunte Seite der Leinwand oder des Schulhefts meist nur seinem Gesicht zugewandt war, konnte das keiner wirklich bemerken.
Eines Sonntag morgens, als er gerade geräuschlos durch den langen, weißen Flur des Kirchengebäudes streifte, erfasste sein Auge einen einzelnen leeren Nagel an der Wand. Und im selben Augenblick war es ihm, als würde ein Engel des Allmächtigen ihm zuflüstern: „Mal’ Ihm ein Bild.“
Jan brauchte den restlichen Tag, um dieses Erlebnis zu verdauen. Am Abend schließlich kappte er seine verknoteten Gedankenranken, holte eine kleine weiße Leinwand und machte sich ans Farbenmischen. Es dauerte nicht lange und das Bild war fertig. Er blickte es sich noch einmal an und legte sich dann zufrieden schlafen.
Eine Woche später war er unter den ersten, die die Kirche betraten und er passte einen günstigen Augenblick ab, um das Bild unbemerkt an den leeren Nagel zu hängen. Es dauerte ein bisschen, doch schon bald versammelten sich ein paar Kirchenbesucher vor dem Kunstwerk und betrachteten es wortlos. Als Jan das sah, freute er sich und malte von da an jede Woche ein neues. Und jedes Mal standen ein paar mehr Menschen vor seinem Bild, um es fassungslos zu betrachten. Denn seine Bilder hatten eine Aussagekraft, so dass man meinen konnte, dass dort, wo sie hingen, jemand ein quadratisches Loch in die steinernen Mauern der Kirche gebrochen hätte. Ein Lichtloch in einer dunklen Gefängniszelle. Ein Bullauge, das der wankenden Gemeinde im Meer der Zeit einen Blick auf ihr Ziel – die Herrlichkeit Gottes – ermöglicht.
Manch einer ging seit dreißig Jahren in diese Kirche, doch als er vor einem dieser Bilder inne hielt und Gott dafür dankte, erlebte er in dieser ganzen Zeit seinen ersten Gottesdienst.
Doch weil der Himmel nicht auf der Erde ist – auch nicht in der Kirche – kam es, dass sich eine Frau mit Namen Mira an den Bildern ärgerte. Mira hatte ein gutes Herz. Dass sie jedoch ein nur mittelmäßiges Talent bei unbeschränkter Leidenschaft für die Malerei besaß, hatte sie sich (und den anderen Zuständigkeiten hierfür) niemals vergeben. So verzehrte sie sich fast vor Neid, wenn sie auf die begnadeten Kunstwerke blickte. Natürlich hatte sie längst herausgefunden, wer jeden Sonntag die Bilder wechselte. Also wartete sie auf einen Augenblick, in dem derjenige anwesend war und sie endlich ihrem Leiden Genugtuung verschaffen konnte.
Es war kurz nach dem Gottesdienst, als sich ein paar Leute mit etwas Abstand zur Wand halbkreisförmig um das Kunstwerk stellten. Mira ging schnellen Schritts dazwischen hindurch in Richtung Toiletten. Doch kurz vor dem Bild stolperte sie, riss es herunter und fiel so darauf, dass ihr Knie die Leinwand zerriss. Ihre Glieder schmerzten und ihre Hand hatte sich an dem rauen Putz aufgeschürft, doch in diesem Moment war es ihr willkommen. Die normalerweise ernsthaft barmherzige Frau spielte sofort den bekümmerten Schuldigen. Doch als Jan ihren Blick erfasste, sah er, wie der Teufel Funken aus diesen Augen sprühen ließ. Er ließ sich nichts anmerken – ging aber bald darauf nach Hause.
Dort angekommen überkamen ihn Gefühle, die er noch niemals bewusst erlebt hatte. So legte er sich ins Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf. Er träumte davon, alleine auf einer großen hellen Bühne zu stehen. Der Vorhang öffnete sich. Im Publikum saßen lauter Menschen, die ihn beschimpften und sogar Unrat nach ihm warfen. Ganz vorne saß Mira, die seine Bilder bei sich hatte und eines nach dem anderen mit einem scharfen Messer zerschnitt. Neben der Bühne und dahinter hörte er aus dem Dunkeln eine Stimme sprechen: „Komm hierher, weg von diesen Tieren. Hier ist es sicher.“ Und mit den Beschmähungen aus dem Publikum wurden auch die Stimmen aus dem Hintergrund lauter und dringlicher.
Dann wurde es plötzlich schwarz und ganz still und er sah nur noch die dunkel flackernden Umrisse eines gebückten Menschen fernab von allen anderen und hörte, dass dessen schweres Herz im Takt der Dunkelheit pulsierte. Hatte er den Stimmen gehorcht?
Jan wachte auf und noch immer hörte er sein Herz schlagen.
Der Traum war noch vor seinen Augen und langsam begriff er dessen Sinn: Dass nämlich ein Mensch nicht kein Selbstbewusstsein besitzen kann, was er bis dahin angenommen hatte – sondern nur ein gesundes oder ein verletztes. Und dass es in seiner Verantwortung lag, dem verletzten Selbst zu gehorchen oder der Stimme eines anderen.
Er stand auf und kochte sich einen Kaffee. Dann holte er die Ölfarben hervor und malte auch an diesem Sonntag wieder ein neues Kunstwerk für Ihn und ebenso an den darauf folgenden. Und mit jedem neuen Bild hängte er ein wenig von seinem verletzten Selbst mit an den leeren Nagel.
In einer Großbaustelle neben der alten Stadtkirche saß eine junge Frau mitten in der nassen roten Erde. Der Regen löschte ihren Alkoholgeruch. Es schüttete ununterbrochen, doch sie hatte sich den Platz selbst ausgesucht. Ihr Gesicht war so verwaschen, dass es nur noch Trauer ausdrückte.
Es war Samstagabend und schon im Dunkeln verließen die ersten Gottesdienstbesucher das Kirchengebäude. Einer von ihnen, ein kräftiger Mann mit breitem Kreuz, sah die Frau im gelben Licht der Straßenlaterne und lief zu ihr. Er überlegte kurz und als er neben ihr eine Schaufel fand, begann er, einen Graben rund um sie herum auszuheben, aus dem das Wasser ablaufen konnte. Doch nach einer Viertelstunde bemerkte er, dass er der immer stärker werdenden Regenflut nicht Herr werden konnte und ging – unzufrieden darüber, dass er nicht mehr gebraucht wurde – heim. Ein Engel, der in der Nähe war und die Menschen, die aus der Kirche kamen, beobachtete, sah ihn und lobte seine Tatkraft.
Kurz darauf kam ein etwas älterer Mann und sein Blick fiel ebenso auf die elende Frau. Auch ihn ergriff das Mitleid und er öffnete seinen Koffer, kramte kurz darin, holte dann eine Bibel heraus und legte sie der Frau auf den Schoß. Dann drehte er sich um, ging nach Hause und dachte dabei: „Darin steht alles, was diese verlorene Seele benötigt!“ Der Engel beobachtete auch diesen Mann und lobte seine Weisheit.
Einige Zeit später, als gerade die Lichter der Kirche ausgegangen waren, kam eine Frau an der Baustelle vorbei. Als sie das Mädchen im Dreck erblickte, wurde auch sie vom Mitleid erfasst – doch blieb zunächst unschlüssig. Plötzlich erinnerte sie sich an die Geschichte, wie Gott in diese Welt kam, die sie gerade zum hundertsten oder tausendsten Mal in der Kirche gehört hatte. Sie ging zu dem Mädchen, setzte sich neben es und warf ihren Mantel um den zitternden Körper. In diesem Moment begriff sie sie zum ersten Mal – die Geschichte von Gott und der Welt. Als der Engel auch diese Frau sah, wusste er nicht, wofür er sie loben konnte. Er bekam Angst und verschwand – denn er war ein gefallener Engel.
Selbst wenn ich all meinen Besitz an die Armen verschenke und für meinen Glauben das Leben opfere, aber ich habe keine Liebe, dann nützt es mir gar nichts.
1. Korinther 13,3
In Jerusalem gab es einen Teich, den man Bethseda nannte. Um diesen herum lagen im Schatten von Säulenhallen viele Kranke, Blinde und Gelähmte. Sie warteten allesamt auf einen Moment: den, in dem ein Engel Gottes Wellen auf dem Wasser erscheinen lässt und demjenigen, der daraufhin den Teich als Erster erreicht, von seinem Leiden heilt.
Eines Tages kam ein Mann an den Teich: Jesus von Nazareth. Er sah sich jeden Einzelnen dieser Gebrechlichen an: den blinden Zacharias; das junge Mädchen, das von Geburt an gelähmt war, nicht laufen konnte und vermutlich niemals würde heiraten können; die aussätzige Frau, die jenen Tag fürchtete, an dem sie ihre Krankheit nicht mehr würde verbergen können. Einige dieser Menschen warteten seit über drei Jahrzehnten schon auf Heilung. Doch Jesus’ Augen blieben auf Silas, dem Stoffhändler, ruhen, der gerade am Teich vorbei hastete. Es war noch früh am Morgen, zur zweiten Stunde des Tages, und er wollte rasch zum Markt gelangen, um kein gutes Angebot zu verpassen.
„Silas,“ rief Jesus ihm hinterher. Dieser blieb, als er einen Fremden erblickte, etwas verwirrt stehen und wartete ungeduldig auf dessen Anliegen. Vielleicht war es jemand, der aus Geldnot einen Ballen Stoff verkaufen musste. Der Fremde ging einige Schritte auf Silas zu, fasste ihn sanft am Arm und fuhr fort: „Willst du gesund werden?“
Für Silas war es nichts Ungewöhnliches, von Menschen zu hören, die sich selbst oder denen das Volk übernatürliche Kräfte beimaß: Zauberer, Wahrsager und auch Heiler. Daher beschloss er – aus Zeitgründen und der Höflichkeit eines Mannes, dessen Ruf für sein Geschäft unentbehrlich ist – sachlich zu bleiben. Er gab Jesus zurück: „Guter Mann, sieh dich doch um: Hier liegen Dutzende von so offensichtlich Heilungssuchenden, dass du bei diesen sicherlich auf ein offenes Ohr für deine Dienste stoßen wirst.“
„Das ist wahr. Doch ich habe dich angesprochen, weil ich dich heilen möchte.“
Silas trat einen Schritt zurück und beschrieb mit beiden Händen eine Geste vor seinem Körper: „Siehst du denn nicht, dass mir nichts fehlt?“
Jesus kam wieder auf ihn zu und sprach: „Wie kann ich, Silas? Die meisten deiner vierundvierzig Jahre hast du damit verbracht, von morgens früh bis in den Abend hinein zu arbeiten – aus Angst davor, ein Besitzloser zu werden. Deine Frau, der einzige Mensch, mit dem du in deinem Leben nicht nur über Stoffe und Tücher geredet hast, ist gestorben und deine Söhne wollen nichts mehr mit dir zu tun haben. So schuftest du jetzt unermüdlich wie nie, um dir ein würdiges Haus zu errichten; damit die anderen Menschen wenigstens sagen können, du hättest etwas aus deinem Leben gemacht. Und um Frieden zu finden.“
Plötzlich war es Jesus, der einen Schritt zurück machte und dann sagte er: „Doch wenn du jetzt nicht innehältst, wirst du diesen Frieden nicht erleben: Einen Tag nachdem du die letzten Besitztümer in das neue Haus getragen hast, wird man dich darin tot auffinden. Dann wird man keine Gelegenheit mehr haben, das Gebäude zu bestaunen, denn die Leute werden sagen: ‘Seht an: dreißig Jahre harte Arbeit und nicht eine Nacht ruhig geschlafen.’ Deine Söhne werden das Erbe aus Stolz ablehnen. Das Haus selbst wird man kopfschüttelnd und abergläubisch meiden bis man es schließlich abreißen lässt.“
Es folgte ein Moment der Stille, in dem sich beide Männer tief in die Augen blickten. Dann wandte sich Silas um und eilte, ohne noch etwas gesagt zu haben, davon. Er hatte keine Ahnung davon, dass der Fremde niemals ein prophetisches Wort gesagt hatte, das nicht in Erfüllung gegangen war.
Da blickte Jesus erneut auf die Gebrechlichen, die dort überall saßen oder lagen. Und er sprach zu den wenigen, die mit ihm gekommen waren und im Hintergrund gestanden hatten: „Gesegnet sind die Kranken, die um ihre Krankheit wissen.“
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(Hinweis: Ich möchte niemanden täuschen. Diese “historische Kurzgeschichte” ist größtenteils erfunden. Der wahre Teil steht in der Bibel: Johannes 5.)
Zu einer Zeit, in der man noch zu Fuß zur Schule laufen musste, lebte ein Junge namens Johnathan. Er wurde aber nur John genannt. John hatte nicht viele Freunde, was vielleicht an seiner größten Schwäche lag: er war vergesslich. Oft vergaß er belanglose Dinge wie sein Pausenbrot oder seine Socken. Doch es kam auch vor, dass er einen Jungen, mit dem er sich mittags zum Spielen verabredet hatte, nachmittags schon wieder vergessen hatte. Johns Eltern besaßen nicht viel, schließlich lebten sie auch in einer Zeit, in der die meisten Leute nicht viel Geld hatten. So konnte John seinen ganzen Besitz in einer Holzschachtel aufbewahren: eine versteinerte Schnecke, ein Blechauto, dem drei Räder abhanden gekommen waren, eine Handvoll Murmeln und einige Steine, die er aufgehoben hatte, weil sie besondere Muster hatten.
Doch eines Tages, als er gerade alleine am Rande seines Dorfes spielte, machte er eine gewaltige Entdeckung: er fand einen goldenen Ring, der mit einem großen Diamanten besetzt war. Der Ring selbst war klein, so dass John sofort ahnte, dass er einmal einer Prinzessin oder einer jungen Königin gehört haben musste.
Natürlich konnte er als Junge mit dem Ring nichts anfangen. Doch die Tatsache, dass er etwas so wertvolles gefunden hatte, ließ ihn spüren, dass er selbst doch vielleicht viel wertvoller sein könnte, als er es sich jemals erträumt hätte. Das machte John so froh, wie er es noch nie in seinem Leben gewesen war. Und weil niemand da war, dem er seine Freude hätte mitteilen können, dankte er Gott, wie er es in der Kirche gelernt hatte. Gott musste ihn ziemlich lieb haben, dachte er.
Die nächsten Tage erlebte John wie im Traum: Er verbarg den Ring in seinem Kopfkissen und bei allem was er tat, dachte er an dessen Herrlichkeit. Wenn er dann abends nach Hause kam und den Ring hervorholte, wurde er jedes Mal noch mehr von dessen strahlender und reiner Schönheit überrascht: seine Gedanken und Erinnerungen konnten sie nicht erfassen.
Dann passierte es jedoch, dass ihm ganz plötzlich ein Gedanke kam. John wusste, dass er vergesslich war und er bekam Angst: Was ist, wenn ich den Ring verlieren sollte? Oder wenn er verloren geht, ohne dass ich es merke? Schließlich entschied er sich dazu, den Ring an einem sicheren Ort in seiner Holzschachtel zu vergraben. Gleich am nächsten Tag führte er das dann auch aus und malte sogar eine Karte, um ihn wieder finden zu können.
So bekam John seinen gewohnten Alltag zurück. Doch die Sehnsucht nach dem Ring machte sein Herz schwer und traurig. Da kam ihm eine Idee: Ich werde mir einen Ring basteln, der mich an den Goldring erinnern soll. Wenn ich diesen dann verlieren sollte, bastele ich mir einfach einen neuen. Gesagt – getan. Im Schuppen vor dem Haus fand er etwas Kupferdraht, den er ein paar mal um einen Stock wickelte. Dann nahm er einen stumpfen, weißen Quarz aus seiner Steinesammlung und befestigte ihn daran.
John war stolz auf seinen selbst gebastelten Ring, doch die erhoffte Freude stellte sich nicht ein: Wenn er ihn aus dem Kopfkissen hervorholte, sah er bald nur noch die Fehler, die dieser gegenüber dem echten Goldring hatte. Irgendwann wurde die Sehnsucht unerträglich und er grub die Holzschachtel wieder aus: sein Herz schlug mit der Geschwindigkeit einer Dampflokomotive, als er sie öffnete und den Ring sah. Da war sie wieder – die unfassbare Freude. Doch mit ihr auch die Sorge um den Verlust des Ringes. So quälte John sich wochenlang durch das Spannungsfeld beider Gefühle und war kaum noch in der Lage, in der Schule aufmerksam zu sein – geschweige denn sich nachmittags zu verabreden.
Irgendwann traf er eine folgenschwere Entscheidung: Ich muss den Ring beschädigen. Wenn er nicht mehr so schön ist, werde ich auch keine Angst mehr haben, ihn zu verlieren, dachte er sich. Und er rannte ohne irgendeinen klaren Gedanken mit dem Ring in den Schuppen und zerkratzte mit einer Feile aus Vaters Werkzeugkiste das glänzende Gold des Ringes.
Danach hatte John ein schlechtes Gewissen, aber er war auch sehr erleichtert, dass der Goldglanz ihm nichts mehr anhaben konnte.
Wenn er nun in den nächsten Tagen abends den Ring betrachtete war er zwar von dem zerkratzten Metall fasziniert – seine Empfindungen dabei waren jedoch so unbewegt wie der Baumstamm einer alten Eiche im Wind.
Bis zu dem Abend, als sein Blick sich in der unberührten Schönheit des Diamants verlor, den er bis dahin ganz übersehen hatte. Ein so wertvoller Stein. Mit der Strahlkraft einer Sonne. Das war zu viel für das kleine Herz des Jungens und ohne darüber nachzudenken, was er tat, rannte er wieder in den Schuppen, holte die Feile hervor und versuchte, den Diamant seines Glanzes zu berauben. Doch weil die Feile auch nach einigen Minuten noch immer nicht das tat, was nach den Gefühlen des Junges unausweichlich geschehen musste, verlor dieser seine Kraft, sank zu Boden und fing an zu weinen. Der Ring war auf den Boden gefallen und reflektierte unbeeindruckt das Licht des Mondes.
Doch Johns Herz war ohne Licht und nur ein winziger Hoffnungsschimmer zeigte sich darin wie ein Schatten in der Dunkelheit: Er war plötzlich sehr wütend, nahm den Ring und stand auf. Dann rannte er wie um sein Leben – die kleine Hand um den Ring gepresst, dass es ihm wohltuend schmerzte – zu dem großen Strom, der einige Kilometer vor dem Dorf floss und dazu in der Lage war, Dinge für immer in der Unendlichkeit des Meeres verschwinden zu lassen. Das war zumindest Johns kindliche Hoffnung, als der schwere Ring – bis zuletzt strahlend – in die eiligen Wellen des Flusses sank. Mit einmal Mal überkam ihn ein Gefühl der Bitterkeit: wieso habe ich diesen Ring überhaupt finden müssen? Gott muss mich hassen, dachte er sich.

Diese Bitterkeit hatte John bis dahin noch nicht kennen gelernt und sie sollte seine weiteren Lebensjahre bis zu dem Tag bestimmen, an dem ihm klar werden sollte, dass der Ring nie ins Meer getragen wurde und noch ganz nah bei ihm war. Dass der Ring, der ihm so viel Schmerz gebracht hatte und noch bringen sollte, doch auch die einzige wirkliche Freude in sein Leben gebracht hatte und diese noch nicht verloren war.
Einsortiert unter: Kurzgeschichtliches | Schlagwörter: Freiheit, Liebe, Religion
In einem fernen Land lebten einmal drei junge Männer. Sie waren dort aufgewachsen und in ihrer Kindheit mehr oder weniger gut versorgt worden. Die drei waren befreundet und eines Tages trafen sich zwei von ihnen und redeten über das Leben in ihrer Gesellschaft. Sie redeten viel länger als geplant und kamen schließlich zu der Erkenntnis, dass die Menschen, die in ihrem Land leben und Verantwortung tragen, ganz fürchterliche Dinge tun.
„In meiner Nachbarschaft denkt jeder nur an seine Sicherheit. Sie würden eher sterben, als daran zu denken, dass auch andere in Sicherheit leben wollen,“ sagte der eine.
Und der zweite meinte dazu: „Es ist für mich ein Wunder, dass das Leben in einer so boshaften und egoistischen Gesellschaft noch möglich ist.“
So redeten sie bis tief in die Nacht hinein. Am Ende beschlossen sie, eine Reise zu unternehmen, um herauszufinden, ob es auf dieser Welt nicht noch bessere Orte gäbe.
Am nächsten Tag erzählten sie dem Drittem von ihrem Vorhaben, doch dieser antwortete ihnen auf die Frage, ob er mitkommen wolle: „Ihr seid doch Weltverbesserer. Wer hat euch dieses Märchen von einer anderen Gesellschaft in den Kopf gepflanzt? Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht… Was ist da hinzuzufügen? Auch wenn es das Ende unserer Freundschaft bedeutet; ich werde euch nicht begleiten.“
Die beiden waren traurig über seine Worte, doch sie hielten an ihrer Reise fest – die Idee eines besseren menschlichen Zusammenlebens hatte sich zu tief in ihr Herz gegraben.
So machten sie sich auf die Reise und durchwanderten viele Gegenden, manche davon waren noch trostloser als ihre Heimat. Doch nach einigen Wochen erreichten sie ein Land, dessen Grenze nur von einer Seite bewacht wurde. Sie kamen in eine größere Stadt und die Menschen dort sahen, dass die beiden Fremde waren und luden sie zu sich nach Hause ein. Sie waren ergriffen von der Gastfreundlichkeit der Einheimischen und konnten sich nur schweren Herzens für ein Übernachtungsangebot entscheiden. Die beiden lebten ein paar Wochen in der Stadt und lehnten keine Freundlichkeit der Menschen dort ab. Eines Abends saßen sie wieder zusammen, wie an dem Abend, an dem sie ihre Reise beschlossen hatten, und redeten über das Land, in dem sie nun waren.
„Hier ist es gut,“ sagte der eine: „die Menschen lieben einander, anstatt sich zu hassen. Hast du jemals in unserer Heimat eine solche Friedfertigkeit erlebt?“
„Du hast Recht. Die Gastfreundschaft ist beeindruckend, die Menschen tun einander unablässig gutes. Und doch weiß ich nicht, was dieses Volk verbindet. Es ist als hätte man in unfassbarer Mühe das ganze Land mit Straßenlaternen ausgestattet und zum Schluss vergessen, sie an ein Stromnetz zu schließen.“
Und sie redeten wieder bis spät in die Nacht hinein. Schließlich sagte der andere: „Nein, ich werde nicht hier bleiben. Es mag eigensinnig klingen, aber dieses Land hier ist nicht das, von dem mir meine Sehnsucht erzählt hat.“
Die Freundschaft wurde also vollends aufgehoben und der andere nahm am nächsten Tag Abschied. Der eine jedoch
blieb in der Stadt. Er machte dort eine Ausbildung und begann zu arbeiten. Er fand eine Frau und gründete eine Familie. Er wollte werden, wie die Menschen, die dort wohnten und er schaffte es.
Sieben Jahre lang hörte er nichts mehr von dem anderen, bis dieser eines Tages an seine Haustür klopfte. Er öffnete ihm, lud ihn zum Essen ein und bat ihn, zu erzählen, was er in der Zwischenzeit erlebt hatte und warum er hier sei.
Der andere begann daraufhin mit seiner Geschichte: „Ich verließ diese Stadt und machte mich auf den Weg. Aber irgendwann wurde ich vom Wandern müde – ich war bereits mehr als fünf Monate unterwegs – und beschloss schließlich doch, hier zu bleiben. Zu dir zurückkehren konnte ich nicht, das verbot mir mein Stolz. Also fing ich an zu arbeiten, baute ein Haus und wurde wie die Menschen in diesem Land. Die Menschen waren gut zu mir und ich war gut zu ihnen. Vier Jahre lang lebte ich so, doch irgendwann kam es, wie das Sprichwort sagt: ‘Die Menschen lieben einander so lange, bis sie einander nicht mehr lieben.’ Ein unerträgliches Gefühl der Heuchelei überkam mich und ich fing an, Einladungen und Geschenke abzulehnen. Da veränderte sich die Haltung der anderen mir gegenüber. Bald kam ich mir vor wie ein Bettler, der einem König sein Zepter und damit seine Macht geklaut hatte. Die Blicke meiner Nachbarn wurden kalt. Doch um ehrlich zu sein, muss ich genauer sagen, dass sie bei meinem Anblick nicht mehr warm wurden – kalt waren sie immer gewesen, wenn sie sich unbeobachtet fühlten… Nach einiger Zeit hielt ich die misstrauischen Blicke der Menschen und ihr zögerliches Verhalten mir gegenüber nicht mehr aus und verließ dieses Land.
Es war eine harte und beschwerliche Reise. Ich musste noch einmal acht Monate wandern, bis eines Tages die Siedlungen verschwanden und ein verlassenes, ödes Grenzgebiet vor mir lag. Vier Tage und vier Nächte schleppte ich mich mit letzter Kraft durch diese Wüste. Es war mitten in der Nacht, als ich plötzlich in der Ferne Lichter erblickte: Es war die Beleuchtung ein großes Festes. Mit den Jahren wurde ich sehr argwöhnisch, so dass ich mich zunächst nur anschlich und beobachtete. Je länger ich da im geheimen saß, desto beeindruckter war ich. So ein Fest hatte ich noch nicht erlebt. Es war nicht wie in unserer Heimat, wo man sich trifft, um gemeinsam den Abend oder besser gesagt das Leben im Alkohol zu ertränken. Auch war es nicht wie die Feste hier, bei denen sich alles um den Gastgeber und seine Gastfreundlichkeit dreht. Es war, als wäre dieses Fest für einen anderen. Einen, der gar nicht da war. Doch alle anderen saßen an einer riesigen Tafel, an der es kein oben und unten, keine besser und schlechter bedienten Plätze gab. Und ich sah dem Anschein nach arme und reiche Leute, doch alle drückten mit ihren Gesten aus, dass sie genug hatten. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich das Wort Fülle begreifen – auch wenn ich nichts von dem sah, was ich mir bisher darunter vorgestellt hatte.
Man hätte diesen Leuten alles Geld der Welt und jeden Gegenstand, für dessen Besitz sich Menschen abplagen, bieten können und sie hätten doch nur gesagt: ‘Was störst du unser Fest? Feier mit, oder verschwinde!’ Da verlor ich mein Misstrauen, ging unsicher auf die Tafel zu und bat um etwas zu trinken. Man bot mir den Platz an, auf dem ich für den ganzen Rest der Feier sitzen blieb und Angst davor hatte, der Gastgeber würde doch noch auftauen und mich von seinem Platz verscheuchen.
In dieser Nacht fing ich an, zu begreifen, was das bedeutet, was wir hilflos mit dem Wort Liebe bezeichnen. In unserer Heimat kannte man es gar nicht, sondern nur den Schatten davon – Hass. Hier, in dem Land in dem du wohnst und ich vier Jahre lang gewohnt habe, hat man versucht, diesen Schatten hell zu machen. Man hat das Vorzeichen des Hasses umgekehrt. An Stelle von Kanonenkugeln fliegen hier Sahnetorten, was im Endeffekt das gleiche ist. Hier zählt nicht der Nächste, sondern die Tatsache, dass ich ihn liebe. Wenn er mir das nicht mehr erlaubt, werde ich ihn hassen – natürlich in einer geheimeren Form als in unserer Heimat. Die Liebe, die hier gelebt wird, ist anfangs meist nicht falsch – aber sie ist schwach: Kaum einer hält es länger als ein halbes Leben aus, sie hervorzubringen.
Die Liebe, die ich dort erlebt habe, kann nur von außen kommen. Denn sie muss das schaffen, was der Mensch niemals selbst vollbringen kann: Nämlich, ihn von dem Thron herunter zu holen, von dem herab er bisher die anderen Menschen betrachtet hat.
Einen Menschen zu lieben macht nur dann Sinn, wenn ich mit ihm auf einer Augenhöhe bin. Das begriff ich, als man mich bat, an der Festtafel Platz zu nehmen.
Warum ich zu dir komme? Ich bin hier, um dir von diesem Land zu erzählen!“


